Magnolia (1999)

„Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns.“ Ein Satz voller Wahrheit, der sich wie ein roter Faden durch „Magnolia“ zieht.
Neun Menschen in L.A., die versuchen die Vergangenheit zu bewältigen, um ihr Leben in der Gegenwart auf die Reihe zu bekommen. Alle neun Schicksale sind mehr oder weniger eng miteinander verwoben. Manchmal durch irrwitzige Zufälle. So ist eben das Leben.
Regisseur Anderson ist zweifelsohne einer der besten Regisseure unserer Zeit und bereicherte die amerikanische Filmlandschaft mit Meisterwerken wie „Boogie Nights“ und zuletzt dem über alle Kritik erhabenen „There Will Be Blood“. „Magnolia“ ist ein weiterer Beweis, dass wir es mit dem gerade mal 40 Jahre alten Anderson mit einem wahren Wunderkind zu tun haben, weswegen man seinem Film durchaus autobiografische Züge zusprechen könnte, wenn man das Schicksal des jungen Fernseh-Wunderkindes Stanley betrachtet sowie das des ehemaligen Kinderstars Donnie Smith (genial: William H. Macy), der nun wie alle Protagonisten in diesem geradezu magischen Werk nach Liebe und Vergebung suchen. Die Art, wie diese Schicksale miteinander verwoben sind, ist keineswegs trivial, wie es erzählstruktur-ähnliche Werke wie etwa das fünf Jahre später entstandene „L.A. Crash“ (trivialer als „Magnolia“, aber trotzdem überaus empfehlenswert) versuchen, sondern wirken echt, aus dem Leben gegriffen. Und bei all seiner Ernsthaftigkeit bewahrt sich Andersons Film eine gewisse lakonisch anmutende Leichtigkeit, der Zuschauer wird fast unausweichlich in einen über dreistündigen Sog gezogen, ohne es zu merken, wird unterhalten, gleichzeitig nachdenklich gestimmt und hat beim Abspann nicht das Gefühl, einen Film gesehen, sondern eine Erfahrung gemacht zu haben. Eine Erfahrung über Schuld und Sühne, die ewige Suche nach Liebe, die Konfrontation mit den eigenen (Lebens-)Lügen, Vergebung, eben all den großen Themen, die uns Menschen bewegen. Bei fast jedem der Figuren steht die Suche nach Heilung in Verbindung mit Medikamenten und Drogen, eine tatsächliche Reinigung scheint aber erst dann stattzufinden, wenn Anderson eine im wahrsten Sinne biblische Plage über seine Protagonisten hereinbrechen lässt. Und dies wirkt noch nicht mal irgendwie befremdlich oder overdone, sondern einfach wie das was es it: Ein genialer filmischer Schachzug.
In „Magnolia“ gibt es keinen eindeutigen Anfang und kein eindeutiges Ende, keine Handlung im Sinne einer chronologischen Abfolge. Viel mehr ist es ein Zirkel der Erfahrungen, der dargeboten wird. Berührend, ohne aufdringlich zu sein. Dies liegt nicht zuletzt an den kraftvollen Darstellungen des überragenden Ensembles, das sich teilweise nach „Boogie Nights“ wiedervereinte: John C. Reilly überzeugt als Gutmensch, als tapsiger Cop, gläubig, einsam. Des weiteren ist Philip Seymour Hoffman wie immer überzeugend und Julianne Moore schlichtweg grandios. Auch Tom Cruise ist hier in einer seiner besten Rollen zu sehen, hemmungslos chargierend gibt er eine geinale Vorstellung als egozentrischer Sex-Guru Frank, gleichzeitig scheint er einen selbstironischen Vorgeschmack auf spätere peinliche Fernsehauftritte und Interviews seiner selbst zu geben und liefert damit eine der besten und intensivsten Szenen des Films gleich mit, wenn er im entlarvenden Interview von der Journalistin gefragt wird: „Warum lügen sie, Frank?“.
Ein Auszug aus einer durchweg fantastischen Schauspielerriege, die alle gemeinsam einen Film tragen, der zu Recht als einer der besten seiner Art gehandelt wird.

Wertung: 10/10.

Dieser Beitrag wurde unter 10 / 10, Drama, Filmkritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Magnolia (1999)

  1. Kein anderer Film vermochte es je mich auf so vielen emotionalen Ebenen zu brandmarken wie es MAGNOLIA getan hat. Wenn man bedenkt wie jung P.T. Anderson bei der Fertigstellung dieses Meisterwerks war (und der Mann hat wirklich NUR Meisterwerke im Reportoire – die schauspielerische Adelung von Adam Sandler und das Kegelspiel mit dem Ölmann, sollten ja erst noch kommen…), wird man von tiefster Ehrfurcht erfüllt und der wahnsinnigen Vorahnung wie dann wohl das „Alterswerk“ dieses Mannes aussehen könnte…

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