96 Hours (2008)

Charaktermime Liam Neeson als Action-Opa im als „frischen Wind“ hochgepriesenen „Taken“ (das war dem Verleih wohl zu schwer verständlich, daher kurzerhand für das deutsche Publikum in „96 Hours“ umbenannt). Was darf man davon erwarten?
Nun, warum „96 Hours“ von vielen Kritikern und Kinozuschauern so hochgelobt wird, ist mir ein Rätsel. An der 08/15-Story kann es jedenfalls nicht liegen: Die 17-jährige Tochter des von Neeson verkörperten Action-Rentners Bryan Mills (dessen Job irgendwas im Film nicht explizit genanntes verdammt wichtiges und wahnsinnig tödliches im Dienste der US-Regierung war) wird gleich am ersten Tag ihres Europa-Trips als U2-Groupie (welcher Teenager von heute würde denn noch Bono durch Europa folgen?) in Paris gekidnappt. Dabei hatte Daddy doch gleich so ein ungutes Gefühl! In Amerika ist es doch auch einfach viel sicherer. Wie dem auch sei, Mills hält sich nicht lange mit Nebensächlichkeiten auf. Nicht lange fackelnd und sofort Herr der Lage, fliegt er nach Frankreich und walzt sodann im Alleingang alles und jeden nieder um sein nervtötend naives Töchterchen wiederzubekommen. Er hat dazu, ihr erratet es, 96 Stunden Zeit.
Dass die Story einen vor Einfallsreichtum und Neuartigkeit nicht gerade wegbläst, dürfte nicht überraschen. Das ist aber bei Weitem noch nicht das einzige Ärgernis an dieser weitgehend missratenen „Ein Mann sieht rot“-Variante. Wie es das Klischee verlangt, ist der fürsorgliche Bryan Mills geschieden und seine Ex-Frau (blass: Famke Janssen) nun mit einem reichen, unsympathischen Fatzke verheiratet. Und natürlich ging die Ehe aufgrund seines super-geheimen Jobs in die Brüche („Du warst ja nie da.“). Und natürlich ist es genau dieser Job bzw. die daraus erlernten Fähigkeiten, die das Töchterchen am Ende in die schützenden Arme der wieder glücklichen Famile zurückbringt und ihr zu allem lachhaften Überfluss sogar noch den Start in eine glanzvolle Karriere als Sängerin ermöglicht. Wie schön, denn schließlich hatte sie sich das schon immer gewünscht!
Während Liam Neeson sich mit Erfolg bemüht, beim Plattwalzen drahtig und furchtbar wütend auszusehen, gibt vor allem die Darstellung seiner Filmtochter Anlass zu unfreiwilligem Gelächter: Die damals 25-jährige Maggie Grace soll eine 17-jährige verkörpern, obwohl sie mindestens wie 21 aussieht. Also wird sie von den pfiffigen Filmemachern in Herzchen-Pullis und rosa Röckchen gesteckt, bekommt zum Geburtstag ein Pferd geschenkt, springt infantil giggelnd durch die Gegend und ist natürlich, wie es die Norm des amerikanischen Mainstream-Kinos verlangt, jungfrau. Dementsprechend hoch ist freilich der Preis, den die fiesen osteuropäischen Mädchenhändler, in deren Hände sie gerät, für sie verlangen. Die gute Nachricht ist, und dieser Spoiler sei mir an der Stelle gestattet: Sie bleibt natürlich unberührt und ist auch sonst völlig unversehrt, als Action-Opa Neeson, seinerseits auch ohne Blessuren davongekommen, sie schließlich und ohne große Umwege aus den Klauen der allesamt fremdländisch dreinguckenden, bärtigen Bösewichte befreit. Aber vorher lässt er noch Dutzende drogenabhängige Mädchen im gleichen Alter seiner Tochter links liegen und nimmt sogar deren Tod in Kauf. Eine dieser jungen Frauen befreit er, um sie nach seiner Tochter zu befragen und überlässt sie schließlich sich selbst, als er die notwendigen Informationen aus ihr heraus quetschen konnte. Lobenswert!
Nebenbei sei erwähnt, dass er Dutzende teilweise unschuldiger Menschen abknallt, ersticht, niedermetzelt, ihnen mit bloßer Hand das Genick bricht oder aber zu Tode foltert, obwohl er davon überzeugt ist, dass derjenige die Wahrheit sagt. Egal, ein Verbrecher weniger auf der Welt. Und wird Neeson doch einmal für einen kurzen Moment in Schach gehalten, so bricht eben auf magische Weise das Eisenrohr, an das er gekettet ist, und er murkst problemlos weitere 20 Menschen auf einmal im Alleingang ab. So einen Daddy wünscht sich jede Tochter!
„96 Hours“ ist, wie eigentlich jeder Selbstjustiz-verherrlichende Action-Film, natürlich moralisch äußerst fragwürdig. Das wäre jedoch für den geneigten Zuschauer vielleicht venachlässigbar, würde sich der Film nicht in jeder Sekunde so unfassbar ernst nehmen. „96 Hours“ kommt als falscher Heiland daher, als würde er seinem Publikum die Augen öffnen sowie die Missstände der Welt anhand des Dramas einer ganz normalen Familie nahebringen wollen. Stattdessen missbraucht er aber eben die im Film dargestellten, schrecklichen Wahrheiten als Nährboden für einen voyeuristischen, sadistischen, hirnlosen, noch dazu häufig unfreiwillig komischen „Einer gegen Alle“-Plot. Für wie blöd wird der Zuschauer eigentlich gehalten?
Zugestehen muss man der von Luc Besson mitgeschriebenen Gewaltorgie jedoch, dass die Action handwerklich perfekt inszeniert ist. Dankbarerweise verzichtet die konventionell in Szene gesetzte One-Man-Show auf CGI oder übergebühr hektische Schnitte der Marke Tony Scott. Vielleicht ist es das, was manchen Action-Fan derart an „96 Hours“ begeistert. Wünschenswert wäre jedoch, endlich nochmal einen Actioner a la „Stirb Langsam“ zu sehen zu bekommen, der ohne moralinsaure Story nicht mehr zu sein versucht, als er ist und es einfach auf gehobenem Niveau krachen lässt. Ohne bitteren Beigeschmack. Dann könnte dieses Machwerk hier nämlich ganz schnell einpacken und in den hinteren Reihen der Videothek verstauben und damit die Beachtung bekommen, die es tatsächlich verdent.

Wertung: 2/10.

Dieser Beitrag wurde unter 2.0 / 10, Action, Drama, Filmreview, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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