Die Eleganz der Madame Michel (2009)

„Die Eleganz der Madame Michel“ ist französisches Independent-Kino in Reinkultur, voller verwunderlicher Figuren, die uns trotz oder gerade wegen ihrer liebenswürdigen Eigenartigkeit nah und aus dem Leben gegriffen erscheinen.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht die 11-jährige Paloma, die gleich zu Beginn des Films ankündigt, sich in wenigen Monaten, am Tage ihres 12ten Geburtstages, das Leben nehmen zu wollen. Sie möchte nicht enden, wie ein Goldfisch im Wasserglas, eine genauso simple wie wunderbare Metapher auf das befangene Dasein der wohlhabenden, aber indifferenten Gesellschaft, der sie entstammt. Auf Video bannt die hochintelligente, wenn auch seltsam depressiv erscheinde und oftmals altkluge kleine Protagonistin ihre Umgebung, der sie so gerne entfliehen möchte. Mit ihren piekfeinen Eltern, insbesondere mit ihrer tablettensüchtigen Mutter spricht sie kaum, versteckt sich oft. Paloma beklagt, dass allmählich all ihre Verstecke aufgeflogen seien, als sich durch den Einzug des japanisch stämmigen Gentlemans Kakuro Ozu in das luxoriöse Mehrparteien-Haus alles ändert: In seiner Gegenwart fühlt sie sich wohl und entdeckt mit ihm zusammen die bisher im Verborgenen gebliebenen Eigenschaften der Concierge des Hauses: Madame Michel (wunderbar gespielt von Josiane Balasko), die laut Paloma „das perfekte Versteck gefunden“ habe. Irgendwie ungepflegt sieht Madame Michel aus, nicht im eigentlichen Sinne hässlich, aber unscheinbar. Sie ist von recht mürrischem, resoluten Charakter, tut pflichtbewusst ihre Arbeit, und hat sich mit ihrem einsamen Dasein, das sie seit dem lange zurückliegenden Tod ihres Mannes fristet, abgefunden. Kakuro entdeckt hinter dieser Fassade etwas, was auch Paloma schon lange vermutete: Eine auf ihre eigene Art elegante, belesene Frau, die ihre Lebensfreude wiederentdeckt und Kakuros Liebe zu Leo Tolstois „Anna Karenina“ teilt. Die beiden kommen sich näher. Auch Paloma baut eine Beziehung zu Madame Michel auf und scheint von dem Vorhaben, Suizid zu begehen, langsam abzulassen.
Hinter diesem leisen, wunderbar unaufdringlichen Film verbirgt sich mehr als eine triviale „Wahre Schönheit kommt von innen“-Platitüde. Er bleibt auf dem Boden der Tatsachen und verliert sich nie in zuckersüßen Banalitäten, wie sie manch einer (meiner Meinung nach jedoch völlig zu Unrecht) in „Die fabelhafte Welt der Amelie“ zu finden glaubt. Dennoch ist „Madame Michel“ mehr lebensbejahende Tragikomödie denn Sozialstudie: Es wird von Menschen erzählt, die sich verstecken, da sie in der Welt in der sie leben, nicht sie selbst sein können. Trotzdem: Der erhobene Zeigefinger bleibt stecken,und muss weder dem Zuckerguß noch dem Tränenmeer weichen. Erfrischenderweise werden hier jegliche sich androhende Klischees clever umschifft, die schrulligen Charaktere der Paloma und der Madame Michel selbst kaum überspitzt dargestellt. So entsteht ein erhellend-unterhaltsamer Blick auf die kleine Welt eines außergewöhnlichen Kindes, das einen verloren geglaubten Ausweg aus der eigenen verhassten, vorpubertären Welt entdeckt.
An manchen Stellen hätte man sich vielleicht ein kleines bisschen mehr französischen Esprit wünschen können, zudem vielleicht etwa 10 Minuten zusätzliche Laufzeit, um die tollen Charaktere noch ein Stückchen länger begleiten zu dürfen.
Fast perfektes Kino.

Wertung: 8,5/10

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