Inside (2007)

„À l’intérieur“ wird als ultraharter Splatterstreifen beworben, der sich nahtlos in die Riege seiner französichen Genrebrüder „Haute Tension“ und „Frontière(s)“ einreiht und sogar in Sachen Gore noch einen draufsetzt. Tatsächlich fließt in „Inside“ eine beachtliche Menge Kunstblut, einhergehend mit kiloweise Innereien, sodass man die Wände des Hauses, in denen die recht übersichtliche Handlung stattfindet, locker damit streichen könnte. Was sollte man denn auch anders erwarten von einem Film, der gleich im Vorspann in Gedärmen wühlt?
Was zu Beginn von „Inside“ trotz der blutgetränken Darsteller aussieht wie ein relativ harmloser Verkehrsunfall stellt sich heraus als die Todesursache für das Ableben des Mannes der schwangeren Protagonistin Sara (ganz beachtlich gespielt von Alysson Paradis). An das von Blutdurchtränktsein sollte sich Sara schon einmal gewöhnen, denn ein paar Monate später, genauer einen Abend vor dem Geburtstermin ihres Kindes, das man im Übrigen häufiger im Bauch herumzappeln sieht, klingelt es an ihrer Tür. Beharrlich und immer energischer verlangt eine myseriöse Frauenstimme hereingelassen zu werden. Auf Saras Lüge, dass ihr Mann schliefe, antwortet die Fremde: „Dein Mann schläft nicht, dein Mann ist tot!“
Von da an dreht „Inside“ äußerst effektiv an der Spannungsschraube, verbreitet das Gefühl von Panik, von Ausgeliefertsein. Hervorragend ist vor allem jene Szene, in der Sara auf dem Sofa sitzt, und sich hinter ihr im Dunkeln eine schemenhafte Frauenfigur abzumalen scheint, die langsam wieder in der Dunkelheit verschwindet. Wenig später geht Sara zu Bett und die längst ins Haus eingedrungene Psychopathin greift zur Schere…
Was nun beginnt, ist ein wortkarges, blutiges und zunächst hochspannendes Duell, erbarmungslos und unerbittlich geht es zur Sache. Genregerecht werden alle möglichen spitzen Gegenstände in Körperteile gebohrt, schön noch einmal herumgedreht, und das Blut spritzt in alle Himmelsrichtungen. Besonders besagte Schere kommt häufig zum Einsatz und erfreut den gemeinen Splatter-Fan. Geradezu nervenzerrend wird es, als Saras Chef Jean-Pierre, der sie den nächsten Morgen zur Entbindung ins Krankenhaus fahren soll, überraschend das Haus betritt. Sara hat sich im mit Blut beschmierten Badezimmer im Obergeschoss eingeschlossen, die mysteriöse, ganz in schwarz gekleidete Fremde, übrigens herrlich diabolisch dargestellt von Béatrice Dalle, gibt sich als ihre Mutter aus, bis Jean-Pierre allmählich ahnt, dass etwas nicht stimmt und Saras tatsächliche Mutter plötzlich auftaucht. Nun hätte „Inside“ eine interessante Wende nehmen können, stattdessen steigt mit den neu eingeführten Personen bloß der Bodycount und Klischees wie das allseits beliebte „Protagonist tötet aus Versehen jemanden der ihm hätte helfen können weil er ihn für den Bösewicht hält“-Szenario. Es wird weiterhin aufs Brutalste gemeuchelt bis die wohl gerade aus der Police Academy entfleuchten Polizisten auf der Bildfläche auftauchen und mit Dämlichkeit glänzen. Von nun an geht es mit „Inside“ im Eiltempo bergab: Die ohnehin schon dünne Story stagniert und wird zu Gunsten des übelsten Gemetzels fast vollends ignoriert, die blutigen Geschehnisse werden zunehmend abstruser und gleiten immer häufiger ins unfreiwillig Komische ab. Die krasse Gewalt scheint unnötig, die Handlungen der Charaktere dämlich, wobei erneut unser Freund und Helfer hervorzuheben ist, der verzweifelt versucht, einen Sicherungskasten zu bedienen, um das ausgeschaltete Licht wieder einzuschalten, und dort vorhersehbarer Weise elendig verendet.
Der grenzüberschreitende Schlussakt setzt dem Ganzen dann die Gedärme-Krone auf. Wer jetzt noch hinschaut, ist entweder extrem abgebrüht oder frisst in seiner Freizeit kleine Kinder samt deren Haustiere.
Würde „Inside“ besonders im letzten Drittel nicht bedingungslos auf Härte und extremen Gore setzen, offenbar mit dem Ziel sowas wie „der härteste Film aller Zeiten“ zu werden, hätte daraus ein durchaus annehmbarer Horrorfilm werden können, denn besonders die erste Hälfte überzeugt. Auch die Auflösung ist eher lahm und vorhersehbar. So verliert sich „Inside“ in belanglosem Gemetzel, das man sich schlichtweg nicht antun muss.
Trotz der grandiosen letzten Einstellung der Psychopathin im Schaukelstuhl, ist dieser Torture-Porn-Flic nicht mehr als streckenweise solides Mittelmaß, das durch exzellente Kameraführung, besagtem Spannungsaufbau und handwerklich sauber gemachtem Splatter die US-Kollegen zwar hinter sich lässt, aber dennoch zu viel Potenzial verschenkt.
Hinzu kommt, dass wir mittlerweile wissen, dass es noch viel härter geht: Der ein Jahr später erschienene „Martyrs“, ebensfalls aus Frankreich, ist in Sachen schier unerträglicher Brutalität und Gore wohl konkurrenzlos.

Wertung: 5/10.

PS.: Als Zusatz sei bemerkt, dass „Inside“ in Deutschland inzwischen indiziert ist. „Marytrs“ im Übrigen nicht.

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