Martyrs (Uncut) (2008)

Wenn ein Film in Frankreich zunächst ab 18 Jahren freigegeben wird, muss das was heißen. Was sonst nur Hardcore-Pornos widerfährt, ist mit dem bisher unerreichten König des Torture-Kinos geschehen: „Martyrs“. Was beginnt wie eine Variante des reichlich ausgelutschten Rache-Topos, nimmt immer wieder effektreiche und unerwartete Wendungen, ohne dabei die unglaublich realistisch dargestellte Brutalität auch nur für eine Sekunde herunterzuschrauben. Bewertet man „Martyrs“ hinsichtlich seines offenkundigen Anspruchs, den Zuschauer mit noch nie Dagewesenem zu konfrontieren und ihn dermaßen durchzuschütteln und abzustoßen, dass er sich nahezu zwingen muss, die komplette Lauflänge des Terror-Movies durchzuhalten, müsste man ihm eine Auszeichnung in einer feierlichen Zeremonie mit Gedärmen als Wandschmuck verleihen. Neben all dem Gemetzel wird auch tatsächlich die Story nicht vergessen und immer wieder mit dramatischen Twists versehen, die zwar nicht immer logisch erscheinen, aber dennoch überraschen. Auch die Leistungen der Darstellerinnen und die Kamera sind geradezu formidabel.
„Martyrs“ ist ein Film, über den man eine Nacht schlafen muss, um ihn zu verarbeiten. Ein Film, der die Bezeichnung „Splatter/Gore“ eigentlich nicht verdient, geht ihm doch der ursprünglich augenzwinkernde und unterhaltsame Subtext dieses Genres komplett verloren, und gerade dieses Fehlen jeglicher Ironie macht ihn so schockierend. Jawohl, „Martyrs“ meint es ernst. So ernst, dass die Zuschauer scharenweise vorzeitig das Kino verließen und diejenigen, die es geschafft haben ihn durchzuhalten, sich fragen, warum sie ihn durchgehalten haben. Die Filmfreaks unter ihnen tun sich derweilen schwer, den Film zu bewerten: Kann man einen Horrorfilm gut bewerten, der handwerklich perfekt gemacht ist, einen aber von Grund auf abstößt? Kann man einen Horrorfilm schlecht bewerten, der mehr ist als ein Film, sondern eine, man möchte beinahe sagen, „Grenzerfahrung“ darstellt?
Für mich persönlich ist die nahezu perverse Brutalität in „Martyrs“ glatt zu viel des Guten, und die polarisierende, daher von vielen hochgelobte Auflösung und die damit einhergehende religiös-fanatische Note des Plots, nicht mehr als ein Versuch der Rechtfertigung des allzu explizit gezeigten Terrors. „Martyrs“ verfolgt selbst den gestandenen Horror-Fan mit an die Grenzen des Zumutbaren tagelang, die realistischen Bilder brennen sich ins Gehirn. Diese Attribute gelten normalerweise als positiv und daher erstrebenswert für jeden Film in den Bereichen Horror, Thriller bis hin zu Drama, kommen hier jedoch der Erfahrung gleich, etwas Schreckliches und Sinnloses, oder etwas schrecklich sinnloses mitangesehen zu haben. Die Gewalt verkommt einmal mehr zum Selbstzweck und so setzt „Martyrs“ neue Maßstäbe für den abgestumpften Zuschauer, die man eigentlich nicht weiter ausgereizt sehen möchte.
Dennoch ist „Martyrs“ kein schlechter Film. Im Gegenteil, er ist als Kunstwerk, das etwas in der Form nie Dagewesenes darstellt, betrachtet, sogar exzellent, obwohl es ihm durch die nahezu pausenlose Gewalt an Spannung mangelt. Die Frage, die sich stellt, ist bloß, wie weit man als Zuschauer gehen möchte, um etwas nie Dagewesenes zu sehen, und, damit verbunden, ob man dies nun als Kunstwerk anerkennen kann, oder als sadistischen Schrott brandmarkt.
„Martyrs“ hat mich bis ins Mark erschüttert und stößt mich geradezu ab, und trotzdem kann ich diesen Film nicht als misslungen abtun. Lange Zeit kam nicht umhin, mich um eine eindeutige Wertung zu drücken, habe die Wertung des Films immer wieder verändert, bis ich schließlich sogar meine usprüngliche Rezension umschrieb. „Martyrs“ spielt in einer anderen Liga als all die anderen Werke der „Torture Porn“-Welle, mit denen er so oft in einen blutigen Topf geworfen wird und stellt zweifelsohne den End -und Höhepunkt einer ganzen filmischen Bewegung dar. Ergo scheint „Martyrs“ auch andere Ziele zu verfolgen, will mehr als schocken oder unterhalten und verleiht dem Genre eine zuvor nie dagewesene transzendente Dimension, damit stellt er eine filmische Grenzerfahrung und Grenzerweiterung dar, die man gesehen haben sollte. Wie dem auch sei, noch einmal werde ich mir „Martyrs“ jedoch nicht anschauen. Oder doch?!

Wertung: 7.0/10

Dieser Beitrag wurde unter 7.0 / 10, Drama, Filmreview, Horror, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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