Mr. Nobody (2009)

„Manchmal ist das Leben wie ein französischer Film: Es passiert einfach nichts.“
Dieses erfrischend selbstironische Zitat aus der französisch-amerikanisch-belgisch-deutschen Ko-Produktion „Mr. Nobody“, mag aus der Sicht einiger Filmkonsumenten ja sicherlich auf viele Werke unserer Baguette-vernarrten Nachbarn zutreffen. Auf jenen, aus dem es entstammt, aber ausgerechnet nicht. Das widerum Ironische daran ist, dass genau dies der große Schwachpunkt eines ansonsten so fantasiereichen, hemmungslos der überbordenden Bildsprache verfallenen Stückes der modernen Filmkunst ist. Dabei hätte die tolle, inspirierende Grundidee von „Mr. Nobody“ gar nicht einer solchen bonbonfarbenen Keule bedurft, die auf den Zuschauer förmlich einzuprügeln scheint, um verstanden und diskutiert zu werden, zum Nachdenken anzuregen und nicht zu letzt sehr ans Herz zu gehen. Weniger wäre hier, wie so oft, mehr gewesen.
„Halt! Stopp!“ möchte man brüllen, wenn einer der vielen nahezu magischen Momente über die Leinwand flimmert, um gleich im nächsten Moment von einer manchmal sogar platten, von religiösen Symbolen und Metaphern geradezu überfrachteten Sequenz verschluckt zu werden. Der Zuschauer bekommt in den gesamten 140 Minuten kaum eine Verschnaufpause zugestanden, um den aufgeworfenen Fragen nachzugehen:
Wie stark ist der Einfluss unserer Entscheidungen auf den weiteren Verlauf unseres Lebens? Was wäre, wenn wir uns auch nur in scheinbar trivialen Entscheidungsmomenten unseres Lebens anders entschieden hätten? Wären wir dann glücklicher geworden? Und welche Rolle spielt der Begriff des „Schicksals“ dabei? Gibt es die „eine“, die „große Liebe“?
Diese philosophischen Fragen werden auf drei Ebenen des Lebens des Protagonisten Nemo Nobody (hervorragend gespielt von Jared Leto), zwischen denen immer wieder wüst hin -und her gesprungen wird, aufgegriffen: In der Kindheitsphase, in der die entscheidenden Grundsteine für das spätere Leben gelegt werden. In der Phase des Erwachsenseins, in der Nobody mit den Folgen seiner Entscheidungen als Kind bzw. als Jugendlicher leben muss und als alter Mann, sogar als letzter Sterblicher in ferner Zukunft, wenn er all die möglichen Versionen seines Lebens erzählt, ohne zu erwähnen, welche er nun tatsächlich gelebt hat: Jede von ihnen habe er gelebt, antwortet er dem verwirrten Journalisten, der ihn interviewt. In dieser wie in vielen anderen Szenen steckt so viel Potenzial, dass es z.B. der zusätzlich eingestreuten Zukunftsvision, die auf dem Mars spielt (irgendwie belustigend, wenn man an den Namen der Band „30 Seconds to Mars“ denkt, deren Frontmann bekanntlich Jared Leto ist) und zudem vollkommen kitschig ist und bei der ebenfalls gefährlich an Kitsch grenzenden Zukunftsvision aus Aronofkys „The Fountain“ geklaut scheint, schlichtweg nicht bedarf. Regisseur Jaco van Dormael scheint geradezu überzusprudeln an künstlerisch sicherlich wertvollen Ideen, die er krampfhaft versucht, in einen Film zu packen, dessen Überlänge ihm aber immer noch nicht ausreichend zu sein scheint, um seinen Ideenreichtum auszuschöpfen. Aus „Mr. Nobody“ hätte man gut und gerne drei Filme machen können. Das wirkt zuweilen sehr anstrengend auf den Zuschauer, grenzt nicht selten an Reizüberflutung und lässt die zahlreichen genialen Momente sowie den immer wieder aufblitzenden, teils recht schwarzen Humor in den Bilderfluten versinken. Zu viele zu verwirrende Zeitsprünge und teils unausgearbeitete Ideen und Ansätze werden zu einem leider zuweilen etwas unausgegorenen Gesamtpaket verschnürt. Dabei ist die Grundaussage, dass jede unserer Entscheidungen unser Leben sowie das Schicksal anderer auch auf der anderen Seite des Globus maßgeblich beinträchtigt, gar nicht so diffizil und auch gar nicht so neu.
Trotz dieses nicht unerheblichen Mankos schafft es „Mr. Nobody“ zweifelsohne, zu lebhaften Diskussionen bei einem Bierchen nach dem Kino anzuregen und vermag uns dankbarerweise zum Nachdenken zu stimulieren, auch wenn man sich dabei auf einige wenige Teilaspekte beschränken muss. Die Bilder sind im wahrsten Sinne des Wortes derart innovativ und überwältigend, dass man sie sich am liebsten einrahmen und übers Bett hängen möchte.
Die bereits erwähnten grandiosen Momente, die sich meistens durch die wenigen Augenblicke der Stille und des Innehaltens auszeichnen und durchaus das Prädikat der „(Kino-)Magie“ verdienen, können zwar nicht ganz über die Schwächen des etwa 20 Minuten zu langen Films hinweghelfen, lassen einen aber trotzdem beeindruckt und berauscht an Impressionen aus dem Saal torkeln.
Einer eben jener Momente ist erneut ein ruhiger, und erneut ein inspirierendes Zitat des 118-jährigen (!) Protagonisten, das sich hervorragend eignet, um diesen Artikel abzuschließen:
„Beim Schach nennt man es Zugzwang: Wenn es der beste Zug wäre, nicht zu ziehen.“
Ziehen muss man im Leben jedoch immer.

Wertung: 7.5/10.

Dieser Beitrag wurde unter 7.5 / 10, Drama, Fantasy, Filmreview, Romanze, Science-Fiction veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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