In Meinem Himmel (2009)

Eins vorweg: „The Lovely Bones“ ist keinesfalls ein schlechter Film. Nach seinem Erscheinen 2009 erntete Peter Jacksons erste Regiearbeit seit des (besonders visuell) beeindruckenden „King Kong“-Remakes überwiegend negative Kritiken. Dabei muss man seinem Film vor allem eins zu Gute halten: Er ist mutig.
Mutig zum einen, weil Jackson sich nach „Der Herr der Ringe“ erneut an einen als unverfilmbar geltenden Roman wagte und mutig zweitens, weil sein Film das heikle Thema des Kindesmissbrauchs ebenso unkonventionell wie unverkrampft behandelt. Und so unausgegoren, wie das Gesamtergebnis der Bemühungen Jacksons auch wirken mag, so sehr trifft es auch gerade im Hinblick auf seine thematische Brisanz meist den richtigen, sensiblen Ton, was man von vielen thematisch änhlichen Werken sicherlich nicht behaupten kann.
Das ist besonders der zur Drehzeit gerade mal 13 Jahre alten Saoirse Ronan zu verdanken, die mit ihrem schauspielerischen Talent sogar die teils arg kitschig in Szene gesetzte Welt ihres Jenseits überstrahlt. Ihr gelingt es, jede Emotion, und sei es eine noch so kindliche, glaubhaft auf den Zuschauer zu übertragen. Allgemein rettet der erlesene Cast den Film an vielen Stellen vor dem Absturz. Der vielgelobte und Oscar-nominierte Stanley Tucci gibt den kranken Mädchenmörder aus der Nachbarschaft mit Bravour. Psychopathen (und körperlich und geistig behinderte Menschen) sind bekanntlich seit jeher die favorisierten Charaktere der Oscar-Jury, und das obwohl gerade diese Rollen relativ dankbar sein dürften, kann der Darsteller z.T. doch hemmungslos übertreiben und pathetisch chargieren, ohne dass es die meisten Zuschauer befremdlich finden. Dankbarerweise glänzt Tucci in seiner Rolle jedoch besonders durch Zurückhaltung. Gleiches gilt für Rachel Weisz und Marky Mark, sorry, Mark Wahlberg, die als vom Verlust geplagte Eltern durchaus überzeugen. Einzig die sonst so grandiose Susan Sarandon wirkt fehl am Platz: Ihre Rolle als durchgeknallte, aufgetakelte, ununterbrochen Whiskey-schlürfende Oma soll wohl den eher schwierigen Plot etwas auflockern, ist aber noch flüssiger als das Gesöff, was die Gute kontinuierlich in sich hinein schüttet. Ein geradezu ätzend klischeehafter „Typisch Hollywood“-Auftritt.
Aber zurück zum Film: „In Meinem Himmel“ funktioniert vor allem dann, wenn er nicht mehr sein will als ein konventioneller Thriller. Im letzten Drittel konzentriert sich Jackson vermehrt auf das Diesseits und dreht äußerst effektvoll an der Spannunsschraube, insbesondere dann, wenn die Familie der ermordeten Susie (Ronan) allmählich auf die Spur des Mörders aus ihrer Nachbarschaft kommt. Auch die Parallelwelt, in der sich Susie befindet, funktioniert zu weiten Teilen, ist sie doch in sich homogen, wenn auch etwas zu glitzernd und mit Holzhammer-Metaphorik ausgestattet. Das mag kitschig sein, und jede Emotion mag durch überbordenden CGI-Einsatz erdrückt werden, visuell bemerkenswert in Szene gesetzt ist das Ganze aber allemal.
Die große Schwäche des Films liegt in der Verbindung dieser beiden Welten: Jackson gelingt es nicht, zu erklären, wie genau Susie mit ihren Eltern in Verbindung tritt, um sie auf die Spur ihres Mörders zu bringen und versucht zu verkrampft, die Story zu einem für alle versöhnlichen Ende zu führen. Generell wirkt der sicherlich gewollte Kontrast zwischen den beiden Welten zu krass, der Sprung zwischen Kitsch und teilweise beängstigender Gewalt irritiert statt zu faszinieren. Jedes Mal, wenn Jackson versucht, eine Verbindung seiner Paralleluniversen herzustellen, wirkt sein Film emotionslos und unausgegoren. In diesen jedoch recht seltenen Momenten ist „The Lovely Bones“ eine Mischung aus Märchen und Psychothriller, die manchmal wirkt, wie eine symbolträchtige Inszenierung der Gebrüder Grimm, wenn sie CGI zur Verfügung gehabt hätten: Die in den Grimm’schen Erzählungen im Subtext mitschwingende Ernsthaftigkeit in Bezug auf Themen, die fast immer auf Sex und Gewalt abzielen, würden sie vermutlich auch dem Zuschauer allzu deutlich unter die Nase reiben wollen.
So laufen Diesseits und Jenseits in „The Lovely Bones“ nebeneinander her ohne die gewollte Symbiose einzugehen, oder sich für den Zuschauer nachvollziehbar, und vor allem nachfühlbar, zu berühren. Damit ergeht es Jackson trotz aller inszenatorischer Versiertheit wie einem Schulkind beim Aufsatz: Sehr gut im Aufbau und Ansatz, aber Thema verfehlt.

Wertung: 6/10

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