Fantasy Filmfest 2010

Reviews zu „Harry Brown“ (2009), „The Loved Ones“ (2009) und „The Reeds“ (2009).

Etwas verspätet nun mein Review meines zu kurz geratenen Ausfluges zum Fantasy Filmfest 2010. Geplant war ein mehrtägiger Aufenthalt in Frankfurt mit dem Ziel mit Reizüberflutung und eckige Augen aus dem Kino zu torkeln. Letztlich schaffte ich es leider nur zu drei Filmen, aber immerhin habe ich mit dem britischen Rachethriller „Harry Brown“ und dem australischen Splatter „The Loved Ones“ zwei absolute Highlights des diesjährigen Festivals zu sehen bekommen. Der Slasher „The Reeds“, Festivalfilm Numero 3, war eher unterdurchschnittlich. Daher möchte ich mich zu diesem Genrefilm zuerst äußern und ihn damit schnell abhaken.
Die Story von „The Reeds“ ist schnell erzählt: Eine Gruppe von Mitzwanzigern macht einen Bootsausflug und wird von einer seltsam anmutenden Truppe Jugendlicher verfolgt, die ihrerseits widerum von einem schießwütigen Kapuzenmann verfolgt wird. So oder so ähnlich. Zwischendruch passiert dann allerlei Übersinnliches und Rätselhaftes, was dem Zuschauer am Schluss auf recht holprige Art und Weise aufgedröselt serviert wird, um ihm den ganzen Budenzauber-Murks als plausibel zu verkaufen. Das ist mehr schlecht als recht gespielt, zu weiten Teilen unfreiwillig komisch und erschreckend spannungsarm. Ein unentschlossener Mix aus „Eden Lake“ und „Wolf Creek“, der nur mit einer leidlich originellen Schlusspointe und ein, zwei ordentlichen Scares punkten kann. Im Vergleich zu vielen Genre-Kollegen ist „The Reeds“ vielleicht nicht unbedingt der mieseste Kandidat, sein Eintrittsgeld ist er aber nicht ansatzweise wert.

Wertung: 3.5/10.

Ganz anders da der britische Rachethriller „Harry Brown“: Die Titelrolle wird von niemand Geringerem verkörpert als Schauspiellegende Michael Caine, der seiner Figur eine beeindruckende Tiefe verleiht, und damit gleichzeitig den gesamten Film trägt. Dabei ist der irreführende Catchphrase „King of Cool“, mit dem er und seine titelgebende Figur u.a. auf dem DVD-Cover beworben wird, gänzlich unpassend, denn mit „Harry Brown“ haben wir es glücklicherweise und allen meinen Befürchtungen zum Trotz nicht mit einer üblichen, Action-fixierten oder eben „coolen“ „Ein Mann sieht rot“-Variante zu tun.
„Harry Brown“ zeigt hingegen durchaus realistisch und nachvollziehbar, wie ein alternder, gebrochener Mann, der Familie und Freunde verloren hat und nun nichts mehr übrig ist, was er zu verlieren hätte, das Gesetz in die eigene Hand nimmt. Von Zweifeln ebenso zerfressen wie von Verzweiflung und Wut getrieben, rächt Harry Brown die brutale Ermordung seines letzten noch lebenden Freundes durch kompromisslos gewaltbereite Jugendliche, die das heruntergekommene Viertel, in dem er lebt, beherrschen und dort Angst und Schrecken verbreiten. Drogen, Waffen und ausufernde Gewalt nur so zum Spaß sind Alltag, die Handykamera hält alles fest.
Caines Figur wird zu keiner Zeit heroisiert, sowie die Jugendlichen und deren asoziale „Mentoren“ weder bloß als Opfer ihrer Umgebung noch als von Natur aus abgrundtief böse dargestellt. Tendenzen zur Schwarz-Weiß-Malerei sind lediglich im Schlussakt des Dramas deutlich zu erkennen, wenn dem Zuschauer eine Art „erfolgreiche Säuberung vom Abschaum“ anhand der symbolträchtigen Straßenunterführung, die vor dem Rachefeldzug Schauplatz von Drogendeals und Gewalt war und die Harry Brown nun endlich wieder sicher passieren kann, suggeriert wird. Bis dahin ist „Harry Brown“ ein zutiefst bewegendes, bedingungslos realistisches und äußerst explizites Drama, das mehr Wert auf die Zeichnung seiner Figuren denn auf Brutalität legt, einem in seinen vielen intensiven Szenen aber dennoch den Magen umdreht und den Zuschauer bis ins Mark erschüttert, ohne die Gewalt zum Selbstzweck verkommen zu lassen.
Bemerkenswert auch die Seitenhiebe auf die Arbeit der Polizei, die sich am Ende des Films das Resultat der wiedererlangten Sicherheit im Viertel, Folge der Taten Harry Browns und der daraus resultierenden Straßenrevolte, auf die eigene Kappe schreibt. Eine Kappe, an der Blut klebt.
Unklar bleibt jedoch, warum Regisseur Daniel Barber im Verlauf des Finales ein erzwungen wirkender, recht banaler Story-Twist nötig scheint, der uns einen Drahtzieher, eine treibende Kraft hinter der jugendlichen Gewalt im Viertel, präsentiert. Soll dem Zuschauer damiteine vermeintliche Erklärung für die vorher dargestellte, sinnlose Gewalt geliefert werden, die es in der Realität nicht gibt? Soll das vielleicht eine Art „Aha. Der war’s also. Jetzt wird mir alles klar“-Reaktion bewirken? Das scheint wie ein recht trivialer Versuch, den Zuschauer nicht allzu desillusioniert mit einem „Die Welt ist scheiße“-Gefühl aus dem Kinosaal zu entlassen und ihm im letzten Moment doch nicht zu viel Realität zumuten zu wollen. Ein weiteres Manko eines sonst so überzeugenden Dramas, das glücklicherweise nur eine Randnotiz der Story bleibt und somit nicht weiter ins Gewicht fällt.
Trotz kleiner Schwächen ist „Harry Brown“ wohl die realistischste, ergreifendste und spannendste Selbstjustiz-Variante der letzten Jahre, die genau das ist, was Neil Jordans „Die Fremde in Dir“ mit Jodie Foster (der auch eine Unterführung als Dreh -und Angelpunkt der Handlung präsentiert) sein wollte und die meisten anderen Filme dieser beliebten Sparte wie „Gesetz der Rache“ oder „96 Hours“, für die das Selbstjustiz-Motiv lediglich als Aufhänger für reine Unterhaltung dient, gar nicht erst versuchen: Weder voyeuristisch noch zu sehr gewaltverherrlichend, sondern im Rahmen der Möglichkeiten differenziert und sich der eigenen moralischen Fragwürdigkeit bewusst.
Zu Recht belegte „Harry Brown“ den zweiten Platz des Fresh Blood-Publikumspreises.

Wertung: 8.5/10.

Der australische Splatter „The Loved Ones“ wurde vor Beginn der Vorstellung als wahrscheinlich krankester Festivalbeitrag 2010 angekündigt. Durchaus vorstellbar, dass diese Bezeichnung zutrifft: Lola, eine komplett durchgeknallte Highschool-Göre der Marke „hässliches Entlein“ mit besonderer Zuneigung zu ihrem ebenso beknackten Vater, die von klein auf die von ihr verehrten Jungs entführt, foltert und anschließend in den Keller sperrt, wo sie zu grausigen Wesen mutieren, ist Heldin dieses Gore-Festes aus Down Under. Diesmal ist ihr Highschool-Schwarm das Opfer, der bei ihrer Frage, ob er mit ihr zum Abschlussball gehen möchte, dankend ablehnt. Kurzerhand veranstaltet Miss Krank-im-Kopf ihren ganz eigenen Abschlussball in ihrem beschaulichen Heim. Und das ist ein wahres Fest für jeden Horrorfan!
„The Loved Ones“ hält über die gesamte Laufzeit hinweg die Balance zwischen üblem Splatter und derbem Humor. Dabei bleibt der Spannungsbogen stets gespannt, nie kippt der fast schön komödiantische Horrorfilm in die Albernheit ab. Herrlich krank und besonders von Robin McLeavy als Lola superb gespielt. Ein Gore-Flic, der es schafft, das Publikum gleichzeitig zu schocken und zum Lachen zu bringen, während seine Protagonisten sich mit Bohrmaschinen Löcher in die Schädeldecke bohren um durch diese kochendes Wasser einzufüllen. Kein Scheiß.
Das Finale setzt dann dem ganzen die Ballkönigin-Krone auf und gestaltet sich als derart makaber, dass sich die Balken biegen, und der Splatterfan euphorisch das Kino verlässt. Schallender Beifall des voll besetzten Kinos war die Belohnung und eine

Wertung: 9/10

von mir.

Dieser Beitrag wurde unter 3.5 / 10, 8.5 / 10, 9.0 / 10, Drama, Filmreview, Horror, Science-Fiction, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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