Ex Drummer (2007)

„Fans dieses Films gefiel auch: ‚Man bites Dog (1992)'“ – selten lag moviepilot derart falsch – zumindest bei mir. Man kann sich zwar recht leicht ausmalen wie diese Vorhersage zustande kommen konnte, jedoch macht der ebenfalls belgische ‚Ex Drummer‘ 15 Jahre später so ziemlich alles besser, was Mockumentary-Möchtergern-Provokateur ‚Man bites Dog‘ damals so arg vermasselte. Dies dürfte natürlich sämtliche Poelvoorde-Anhänger zutiefst erschüttern, weswegen es auch mehr als nur hinreichend ist meine soeben rausgehauene These zu begründen.
Das Werk von Regisseur Koen Mortier ist auf den ersten Blick ein kontroverser Film, dessen harte, gewollt absurde Bilder; dessen alternative Kameraspielereien; dessen außerordentlich unsympathischen Charaktere; sowie dessen für die breite Masse äußerst gewöhnungsbedürftiger, weil avantgardistisch-noise-punk-mix-lastiger OST bereits ziemlich abschrecken könnte(n). Und nicht nur das. Der gesamte Film macht sich aufgrund der ungewohnten Vielfalt an grenzwertigen Elementen (angeführt durch die widerwärtige Handlung selbst) zutiefst angreifbar. Wären wir auch schon bei der ersten Interpretationsgruppe Menschen, die einen solchen Film nicht bei ihrem Kuschel-DVD-Abend erwartet haben. (Jetzt schon mein Beileid!) Macht aber auch nichts – denn jene Masse ist mir wesentlich lieber als die folgende, alternative Gruppe von Menschen, die diesen Streifen mit der bewussten Erwartungshaltung eines unschockbaren Pseudo-Intellektuellen geschaut haben – und sich schon während des Films darauf freuen den Film in Ihrer Kritik niederzumähen. Das gestaltet sich nämlich echt einfach, wenn man mal so drüber nachdenkt – Vorschlag: „‚Ex Drummer‘ könnte man als filmischen Flick Scheiße verkaufen, an dem sich ein Regisseur ausgetobt hat, der effekthascherisch auf absurde Fäkalbrutalitäten steht und sich dabei ja ach so cool vorkommt, indem er versucht den Menschen einen Spiegel hinzuhalten, der jedoch so verkümmert ist, dass am Ende nur noch der große Penis von (bezeichnenderweise) „Großer Schwanz“ hängen bleibt. Neben den Mitgefühl-verbietenden Charakteren besteigt Regisseur Mortier das Terrain einer Millieustudie, die vor Dreck nur so strotzt und dabei trotzdem in einem samtigen Gewand daherkommen will, um dann mit einem achso intellektuellen Schriftsteller zu punkten, der sich aus voyeuristischem Selbstzweck an dem Elend der untersten Schicht labt. Der Zuschauer sieht auch nicht weg und bekommt dazu noch die volle Dröhnung Garagenmusik, die Möchtergern-Musiker im tiefsten Untergrund inszenieren, nur um sich danach auf die Fresse zu hauen. Das brauch niemand und ist genauso unnötig wie die letztliche Killersequenz eines rachsüchtigen Opfers, das nach Gerechtigkeit lächzt und sie doch nie bekommen wird!“ – Klingt doch toll! Mal so richtig abgerotzt – ganz viel Pseudo, ganz viel Möchtegern im Film, ganz viel Inkonsequenz….ja eben nicht! Es ist recht selten einen dieser Filme zu sehen, der sich eben nicht so leicht wie oben skizziert auseinander nehmen lässt. Zweifelsohne enthält ‚Ex Drummer‘ ausschließlich unsympathische Charaktere, was jedoch keinesfalls mit uninteressanten Figuren- und deren zugehörigen Konstellationen gleichzusetzen wäre. Die sind nämlich bei genauerem Hinschauen echt witzig! Ein lispelnder, frauenschändernder Sänger, um den man nun wirklich kein schlechtes Gewissen haben brauch mal hart zu lachen. Ein schwuler ein-arm-steifer Masochist, dessen liebenswerte Mutter mit besagtem Sänger rummacht und dessen Vater als einziger Normalo mit womöglich vorzeigbarer Vergangenheit am Bett gefesselt in einer Zwangsjacke vegetiert. Ich habe wirklich oft im Halse steckend gelacht aufgrund der Absurdität, die durch wahrhaft technisch ausgefeilte Kamerafahrten getragen wird und die eben nicht nur aus Wackel-Wackel-Ich-mach-jetzt-mal-ne-total-billige-Mockumentary-die-ich-aber-dann-als-intelektuellen-Shit-wegen-der-Gesellschaftskritik-verkaufe Kamera besteht. Die rückwärtslaufenden Szenen werten das Gesamtbild ebenso positiv auf wie die kopfstehende Welt bei unserem lächerlichen Sänger. Es gäbe noch ach so viele Kleinigkeiten, die erwähnenswert sind und den Film Stück für Stück aufwerten, es aber schlichtweg nicht möglich ist, sie alle aufzuzählen – entweder fallen sie auf oder halt eben nicht. Nur so viel: Ich mag es eine ultra verranzte Küche zu sehen, die jedoch einen echt fetten Fernseher beinhaltet oder aber einem tauben, undankbaren Vollidioten zuzuschauen, der seine ganze (sowieso total kaputte) Bude zerlegt, nachdem sein Baby trainspotting-like starb – sowas löst etwas in mir aus, und sei es eine lächerliche Wut über diese Kreatur (der Typ!), der es nicht schafft sich um sein Kind zu kümmern und diesem Drogen gibt, sich dann aber total darüber aufregt und die Schuld weiterschiebt auf seine Frau, die ja eh zu blöd für alles ist und den ganzen Tag nur schläft. Ich mag es einfach Dinge völlig überspitzt wahrzunehmen um daraus meine Schlüsse ziehen zu können. Und eben das macht ‚Ex Drummer‘ zu einem Film, der es konsequent richtig macht eine Metaebene zu betreten, die von einem Schriftsteller bereichert wird, dessen Erlebnisse wir als Zuschauer teilen und dabei selbst Zeuge werden von seiner absoluten Unfähigkeit das Wörtchen Toleranz überhaupt buchstabieren zu können – ganz zu schweigen von seinen völlig missratenen Moralvorstellungen. Der Höhepunkt des Arschtritts an sämtliche Pseudo-Schocker ala ‚Man bites Dog‘ und von mir aus auch ‚Kick-Ass‘ ist dann aber doch das Understatement,- das die Musik einer echt armseligen Truppe alles andere als musikalisch armselig ist. Natürlich ist der Soundtrack geschmackssache und dennoch wird niemand mit einem gewissen musikalischen Know-How die technisch ansehnliche Performance der Künstler anzweifeln, was schließlich irgendwie das i-Tüpfelchen auf dem Fazit: GUTERFiLM ist!

Wertung: 8.5 / 10

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