Leaving Las Vegas – A Love Story (1995)

Mit einer trüben Starre im Kopf flimmert vor meinem geistigen Auge wieder und wieder der Abspann hinauf bzw. hinunter. –
Tatsächlich fehlen mir die geistreichen Worte in diesem Augenblick, obwohl ich nicht von mir behaupten könnte wirklich begeistert zu sein. –
Der Grund? – Ein Film über die Liebe, dessen Inszenierung im Gegenteil von Kitsch liegt. Das klingt zwar prägnant, ist jedoch alles andere als leicht auszuschmücken, auszumalen, mit sogenanntem Sinn auszufüllen. Denn ‚Leaving Las Vegas‘ ist scheinbar mühelos inhaltlich, rein handlungstechnisch zu beschreiben, offenbart aber außerordentliche Schwierigkeiten auf der Metaebene. Während man eine vermeintlich normale, ausgelutschte Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichte serviert bekommt, verleihen hier die Umstände der sich anbahnenden Beziehung einen andersartigen Hauch von Originalität, nur um dann… – wir werden sehen.
Auf der einen Seite: Der von Nicholas Cage herausragend verkörperte Alkoholiker Ben beschließt in Las Vegas durch Alkoholmissbrauch zu sterben. ‚Alkoholmissbrauch‘. Allein in diesem Wort offenbart sich eine allzu flott übergangene Wertung, die noch desöfteren beim geneigten Zuschauer in Erscheinung treten wird. Alkohol ist nämlich schlecht, keine Frage, denn wenn Ben hackedicht Auto fährt, gefährdet er andere, unschuldige Passanten. – Und schon wieder. Aufgrund der übrigen, natürlich unschuldigen Anwesenden, wird Ben eine Schuld zugewiesen – einfach so – unbewusst. Ich als Autor dieses Textes bitte darum diese Aufmerksamkeiten wertneutral zu lesen. Mein Anliegen besteht eher darin aufzuzeigen, dass Ben eigentlich grundsätzlich keinerlei Chance auf Mitgefühl, auf Anteilnahme an seinem Schicksal hat. Er wird völlig zurecht gefeuert, hat noch Familie (die er im Stich lässt), verprasst all seine Kohle für Alk, schert sich nur um sich selbst, und verwickelt zudem die Edelnutte Sera in seinen Egomanentrip. Und doch kann man ihm keine Inkosequenz vorwerfen, im Gegenteil – er hat sein Ende vorherbestimmt und zumindest ich habe in keinem Moment an der Glaubwürdigkeit dieser schon früh im Film getroffenen Äußerung gezweifelt. Was ihm dagegen sehr wohl zur Last gelegt werden bzw. fallen kann, ist dann wiederum so kitschig wie selbstverständlich – der Liebe ist kein noch so willentlicher Entzug gewachsen.
Womit wir auf der anderen Seite angekommen wären: Die von Elisabeth Shue (bekannt u.a. aus ‚Back to the Future II u. III‘) reizend naiv und doch zugleich bestimmend, schlichtweg ambivalent gemimte Sera ist käuflich, ihr nach eigener Aussage eigener Boss und mit einem Helfersyndrom ausgestattet. Sei es ihr vom Verfolgungswahn gepeinigter Zuhälter, dem sie immer brav ihr Geld bringt (warum wird nicht ausgeführt), ihre Freier, derer sie sich nicht, in keinster Weise entziehen kann, selbst dann nicht, wenn diese offensichtlich nicht ihrem Ideal von Schönheit entsprechen (Verweis auf fetter Haariger und jugendliche Vollspasten), und nicht zuletzt Ben, dem sie hörig ist. Beim Beobachten von Sera drängt sich demnach, um es kurz zu machen – zwangsläufig, und das mitunter ständig, die Frage nach dem ‚Warum‘ auf, die sich kitschig wie selbstverständlich mit der Antwort: Das ist eben Liebe! abspeisen lässt.
Ich hoffe mein als nebulös angedeuteter Konflikt mit ‚Leaving Las Vegas‘ wird nun immer greifbarer, gegenwärtiger. Wir haben es hier mit kitschigem Anti-Kitsch zu tun, der im Grunde genommen Kitsch ist! Eine zunächst kitschig konstruierte Erste-Blick-Liebe wandelt sich durch die negative Attribuierung der Charaktere in eine Art originellen Anti-Kitsch. Die Beziehung beider Protagonisten erreicht im Mittelteil eine absurde Ebene der Darstellung, indem bspw. real werdende Phantasmen im Rausch veranschaulicht werden (Gipfel ist die Poolszene mit Bourbon). Doch wie so oft steht und fällt ein Film mit seinem sich selbst erklärenden Ende, dass es sich hier leider mit Verlaub zu einfach macht. Schade, denn ‚Leaving Las Vegas‘ hatte tatsächlich die Kraft dazu die Macht der Liebe auf das Wesentliche zu reduzieren, indem er die charakterlichen Attribuierungen durch reine Darstellung der Liebe OHNE zusätzliche, dramatische Tränendrüsen-Effekte schlichtweg entwertet und damit pulverisiert. Dies hätte Erstaunen darüber bewirkt, wie manipulativ wir doch Rührseligkeiten zu schätzen wissen, ohne dabei plausible Antworten zu fordern. Wir hätten mitempfunden ohne es zu merken, ungeachtet der vermeintlichen moralischen Fehltritte von Ben und Sera. Das Ende war zu explizit in seiner Darstellung, zu eindeutig dramatisch – zumal es schon derart früh fest stand. Eine implizite Andeutung nach weiterer, exzessiver Zur-Schau-Stellung der ins immer abwegigere driftenden Beziehung eines Alkoholikers mit einer Edelnutte hätte eben nicht jenen Doch-Kitsch-Effekt bewirkt, der es letztlich war. Und so wurde leider doch die Aussage unterschrieben: ‚Die Liebe bahnt sich ihren unaufhaltsamen Weg durch den Dschungel der unbewussten Zuneigung ungeachtet der wissentlich wahrgenommenen Gefühlswelten. Liebe ist unerklärbar, gehört aber erklärt, indem versucht werden sollte sie zu erklären.‘ Und grade dieser Versuch ist Kitsch in seiner reinsten Form, der in ‚Leaving Las Vegas – A Love Story‘ zelebriert wird ohne es zu wollen und ohne es zu müssen.

Wertung: 6.5 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 6.5 / 10, Drama, Filmkritik, Romanze veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Leaving Las Vegas – A Love Story (1995)

  1. Finkel schreibt:

    Irgendwie bekommt der Film bei einer solchen Beschreibung eine deutlich andere Wirkung, ich persönlich konnte ihn nie wirklich ertragen. Das völlige Ausgehen in den Drogen und da mit hineingezogen werden durch den Film, war mir stets zu anstrengend. Bestimmt viermal habe ich bereits versucht den Film vollständig zu ertragen, aber jedes mal habe ich wieder aufgegebene und war zu angestrengt die Distanz zu wahren.

  2. Alex schreibt:

    Das ’nie-wirklich-ertragen‘ kann ich absolut verstehen! Der Film enthält viele schockierende Momente, die man zwar einerseits versucht nachzuvollziehen, an denen man aber ebenso auch scheitern kann – grade weil die Identifikation mit den Protagonisten fehlt.
    Vielleicht den Film einfach nochmal schauen und dabei den Drogen- und Körpermissbrauch in Bezug zur Liebe setzen oder überhaupt das Hauptaugenmerk auf die Liebe richten, dann wirds unter Umständen erträglicher…

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