A Tale of Two Sisters (2003)

Gute Filme an Herkunftsländern dingfest zu machen dürfte nicht das Ziel eines Kritikers sein. Daher nur so viel, ohne zu exponieren (asiatisches Kino hin oder her): ‚Janghwa, Hongryeon‘ ist ein Paradebeispiel für die Ausgewogenheit des Implizit/Explizit-Pendants: Denn wann erreicht ein Film überhaupt eine Wirkung? Der Zuschauer darf nicht über-, aber auch nicht unterfordert, er sollte bei der Stange gehalten, durch den Film geführt werden. Vor allem beim Genre Horrorfilm (wobei hier ein Subgenre vorherrscht, dazu weiter unten mehr) steht doch grade die sog. ‚Spannung‘ an vorderster Front. Und eben diesen sogenannten ‚Suspense‘ zu entwickeln schafft wahrlich nicht jedermann – Regisseur Ji-woon Kim aber allemal.
Doch wie kommt das? Auch wenn diese Kritik Gefahr läuft ein weiterer Remake-Zerfetzer zu werden, so kann dessen tatsächliche Existenz nicht geleugnet werden: ‚The Uninvited‘ aus dem Jahre 2009 ist das US-Remake, das ich persönlich noch nicht gesehen habe und mir auch nie ansehen werde. Schande über mich – wie kann ich dann auch nur andeuten über diesen Film herzuziehen, was ich jetzt auch tun werde? Ich habe dafür etwas für mich sehr Untypisches getan: Den Trailer geschaut (Todsünde für einen gewollten Filmgenuss wie ich finde, aber das ist eine andere Baustelle). Ich erlaube mir anhand der dargebotenen 2 Minuten Filmmaterial das Ding aus den Angeln zu heben und nur anzudeuten, dass das Original so viel mehr wert ist als der Abklatsch, der es auch hätte ebenso gut machen können. Denn Remakes müssen ja nicht zwangsläufig schlecht sein, jedoch allein die Interpretation der im Drehbuch mit an erster Stelle stehende Szene verrät vieles über das inszenatorische Geschick der beiden Regisseure: Los geht das Ganze nämlich an einem strahlenden Sommertag. Es stellt sich doch bereits jetzt die Frage nach der Einstimmung auf womöglich kommende Ereignisse. Bedrohliche Atmosphäre am Seesteg oder Wasser-Bikini-Plansch-Sprung-Zweierlei am Klippenufer? Na, wer ordnet die beiden Szenarien zu? Richtig. Während Korea zwei stille, in sich gekehrte, Blicke austauschende, junge, bekleidete Mädchen zeigt, deren im Wasser baumelnde Füße dabei abwechselnd von hinten und aus dem Wasser heraus gefilmt werden, ist man sich beim US-Remake zu 1000% sicher, dass hier zu Beginn nichts passieren wird. Das ist es doch: Ohne ‚Der Fluch der 2 Schwestern‘ JE gesehen zu haben weiß ich einfach, dass zu Beginn nichts passieren wird. Das heißt natürlich nicht, dass etwas passieren muss, um ‚Spannung‘ aufzubauen – nein, jedoch sollte zumindest die Möglichkeit prinzipiell gegeben sein – denn DAS macht doch grade erst den ‚Suspense‘ aus! Welch Film es daher nicht zustande bringt zu fordern, zu bleiben, einen an die Hand zu nehmen, zu empfinden, ist des ihn würdigenden Blickes nicht wert. (Avantgarde-Film außen vor)
Mir sei es verziehen, dass das endlich mal raus musste. Ohne den Trailer weiter auseinander zu nehmen dient der Sprung ins kühle Nass nun als Exempel für womöglich mies werdende Remakes, womit wir endlich beim eigentlichen Werk Kims angekommen wären: ‚A Tale Of Two Sisters‘. Der gespannte Bogen führt zurück zum Implizit/Explizit-Pendant. Aufgrund der großen Spoilergefahr sei nur auf die hervorragend konstruierte Story verwiesen, die es schafft einen horrorartigen, gruseldramatischen, mit Schockmomenten gespickten … Familienfilm zu präsentieren. Moment mal: Familienfilm? In der Tat geht es um die Familie und all ihre Auswüchse und Verflechtungen. Der Zuschauer durchblickt dieses Geflecht nur bei großer Aufmerksamkeit, da die gegebenen Konstellationen eben nicht explizit aufgezeigt werden. Mysteriöse Umstände lassen immer wieder an der Realität des Settings zweifeln, was dadurch geschickterweise sämtliche surreale Dinge möglich werden lässt ohne dabei zweifelnde Blicke auf sich zu ziehen. Komplett an den Haaren herbeigezogen ist der Plot dann doch nicht, weil mit zunehmender Laufzeit (gesamt: 110 Minuten top ausgereizt) verschiedenste Interpretationsmöglichkeiten denkbar werden. Die allumfassende Frage lautet: Was ist damals nur geschehen? Der Grusel hat Ursprung in der Vergangenheit und lebt sich in der Gegenwart aus – eine Aufklärung findet lediglich seine Andeutung – doch das ist auch wunderbar so! Denn sofern es ein Horrofilm vollbringt ein anfängliches Angstempfinden in ein mitfühlendes, verständnisvolles Nicken zu verwandeln, hat er vieles richtig gemacht. Der Weg dorthin ist ständig ruhig, aber nicht langweilig, wenn man sich einlässt. Totschweigen begleitet die Darsteller und auch dem Zuschauer werden langsam aber sicher die Zusammenhänge in greifbare Nähe gestrickt. Ich hoffe, dass noch viele Menschen in den Genuss dieses Wandels kommen, auch wenn manche Dinge für immer im Dunkel verborgen bleiben werden.

Wertung: 8.0 / 10

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