Black Swan (2010)

Guten Tag, ich melde mich hiermit offiziell zurück nach einer hübschen Schreibblockade, eine Schreibblockade, die ein Film gelöst und ins Gegenteil umgekehrt hat: „Black Swan“.
Ich würde mich ohnehin als Fan der Filme Aronofskys bezeichnen, aber mit seinem neusten Meisterstück hat er sich selbst übertroffen. Punkt. Dabei ist bereits von Anfang an klar, dass es sich bei „Black Swan“ um eine Neuinterpretation bzw Variation von Pyotr Tschaikovskys „Schwanensee“ handelt, und dass die von Natalie Portman verkörperte Nina Sayers nicht nur in ihrer Rolle in selbigen Stück den schwarzen Schwan, also ihre verführerische, lüsterne, animalische, „dunkle“ Seite finden muss, sondern auch in ihrem wahren Leben, das sich bis dato durch das ständige, obessive Streben nach Perfektion gezeichnet sah. Dieser Wandel von der einen Obsession in die andere, diese brodelnde, zwanghaft unterdrückte Leidenschaft, welche kurz vor dem Ausbruch steht, verkörpert Natalie Portman ungemein intensiv, ohne in dem gesamten Film ihre zarte, gebrochene Stimme zu erheben (bis auf eine Ausnahme). Portmans halsbrecherische Gratwanderung im Balletschuh ist wohl die beste schauspielerische (und tänzerische!) Leistung des letzten Jahres. Dabei ist es nicht nur die Gratwanderung zwischen Perfektion und Wahnsinn, die sie verkörpert und den Zuschauer verinnerlichen lässt, sondern auch jene zwischen Sex und Gewalt, zugleich hocherotisch und tiefverstörend, geil und abstoßend. Dies wird besonders deutlich in der intensiven Masturbationsszene Portmans.
Insgesamt ist „Black Swan“ durchweg von sexueller Konnotation durchzogen, denn die Entdeckung der Sexualität und der eigenen Abgründe von Portmans Nina lässen sie für eine kurze Zeit zum schwarzen Schwan werden, hervorgerufen durch die gleichzeitig verhasste wie begehrte Rivalin Lily (ebenfalls hervorragend: Mila Kunis), den provokanten Verführer Vincent Cassel (toll!) und ihre herrische, nahezu puritanische Mutter (beängstigend gut: Barbara Hershey). Schließlich droht Nina zunehmend in den Wahnsinn und die Bessenheit abzugleiten. Dabei werden die Verletzungen und Blessuren, die sie an ihrem eigenen Körper immer wieder entdeckt, für den Zuschauer nahezu körperlich spürbar (besonders wenn man, wie ich, empfindlich im Bezug auf Verletzungen an den Fingernägeln ist).
Vordergründig ein Drama, enthält „Black Swan“ mehrere Elemete des Horrorfilms und des Psychothrillers, ist neben erwähnter Erotik nicht selten mystisch-geheimnisvoll und schreckt selbst vor kleinen, wohl dosierten Schock-Szenen nicht zurück. Bei der erbitterten Darstellung des Ballettmilieus nicht etwa als traumhafte Märchenwelt für Mädchen, sondern als knallhartes Business, verschwimmen Realität und Imagination, bis zum Schluss bleiben einige Rätsel, die der Film aufgibt, im Verborgenen. Was bleibt, ist ein Gefühl von Unwohlsein, mit Bildern, die einen lange nicht los lassen.
Der hervorragende Score Clint Mansells, indem das Leitmotiv des Stückes von Tschaikovsky immer wieder variiert und teilweise rückwärts gespielt wird, sowie die visuelle Umsetzung des Stoffes unterstützt die fantastische Leistung des Ensembles und die geniale Regie Aronofskys (es ist sogar eine nette Anspielung auf „Requiem for a Dream“ dabei). Der gesamte Film ist durchzogen von Schwarz-Weiß-Symbolik, der die Metamorphose der Portman bis in den Abspann hin perfektioniert. In einer der besten Szenen des Films sitzt Natalie Portman vor ihrem Spiegel, wechselt das Kostüm vom schwarzen zurück zum weißen Schwan, stellt fest, dass ihre Wandlung von der eigenen Imagination vorgetäuscht zu sein schien, verliert kurz die Fassung, bevor sie innerhalb von nur einem Wimpernschlag wieder ihre Rolle animmt und weißes Make-up auf ihr Gesicht aufträgt, um bis zum Ende der Aufführung des „Schwanensees“ die eigenen Zerissenheit, den eigenen Wahnsinn, zu verbergen. Auch wenn das Ende bekannt sein sollte, reißt es den Zuschauer mit: Für einen kurzen Moment war Nina perfekt. „Black Swan“ ist es auch.

Wertung: 10/10.

Dieser Beitrag wurde unter 10 / 10, Drama, Filmreview, Horror, Musik, Mystery, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Black Swan (2010)

  1. hulza schreibt:

    Kam der in der sneak, oder wo haste denn gezogen? ;D

    Überdies: sehr gute Kritik, danke dafür!

  2. Pingback: Film des Monats: Black Swan (Darren Aronofsky, 2010) « hulza

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