Das Mädchen, das durch die Zeit sprang (2006)

Ein Evergreen unter den Gedankenspielen: Zeitreisen. Auch wenn diese wohl – paradoxerweise – auf ewig zeitlos bleiben werden, so entfalten sie im Medium Film eine ganz besondere Dimension: Die technische Reproduzierbarkeit jeder einzelnen, künstlerischen Facette erlaubt die detailgetreue Wiederbelebung eines Szenarios wieder und wieder und wieder […] und doch irgendwie immer anders. Wenn dieser Reiz dann auch noch auf das visuelle Möglichkeitsgenre des Animes trifft, erwartet man als Zuschauer schon eine gewaltige Bildflut, die man im japanischen ‚Toki wo kakeru shôjo‘ auch ansatzweise in Form der Zeitsprungsequenzen geboten bekommt. Doch das Werk des sich derzeit in aller Munde befindenden Regisseurs Mamoru Hosoda (‚Summer Wars‘, 2009) ist weit mehr als aneinandergereihte Bildgewalt: Es ist im tiefsten Grundsatz eine waschechte Coming-of-Age-Geschichte.
Dabei herrscht im Ursprung dieser Erzählung fiese Gefahr des Vermiesens, die mich selbst fast den Spaß und das Mitgefühl gekostet hätte. Es ist schlichtweg kein Mindfuck, der uns hier serviert wird und eben das führt zwangsläufig zum Scheitern sämtlicher Zeitreise-Paralleluniversen-Doppelgänger-Existenz-Theorien. Gegenwärtig sollte daher der Kopf Untertan des Herzens sein, der kleine Bruder sozusagen, der um Erlaubnis bitten muss, sich selbst anzustrengen. Dabei ertönen zwar bittere Klänge im eigenen Kopfkonstrukt, das nun mal nach neuartiger Zeitsprungerkenntnis lechzt, aber das Interesse des ‚Mädchen[s], das durch die Zeit sprang‘ besteht eben nicht darin, die Dinge zu erklären oder gar zu verstehen – für sie zählt zunächst nur der Moment, die Faszination Dinge zu ihrem eigenen Vorteil verändern zu können.
Veränderung: ‚Time waits for no one‘, das omnipräsente Zitat, scheint da schon eher die zu vermittelnde Botschaft zu sein. Dem Wunsch es anders zu machen steht die Tatsache an der Seite die Veränderung in der eigenen Hand zu haben, eben Herr (bzw. Frau [bzw. Mädchen]) im eigenen Haus, ja seines eigenen Glückes Schmied zu sein. — Stop! – kurze Denkpause: Sind wir das nicht immer? Existiert nicht immer die Möglichkeit auf Selbstverwirklichung? Herrscht nicht auch bei Zeitsprüngen Rahmenbedingungsgleichzeitigkeit? Was ist mit den anderen im Zeitpfusch? Warum sollte ich das Recht auf Einzigartigkeit besitzen? — Das alles sind berechtigte Fragen des Herzens, die gestellt werden dürfen und auch sollten, denn wohl nichts ist unverzeihlicher als nicht zu wissen, was ein Fehler ist. Es wirkt demnach so, als ob Makoto und auch der Zuschauer an einem roten Faden geführt und dabei ständig mit ihren eigenen Begierden und den damit verbundenen Konsequenzen konfrontiert werden. Dieses Wechselspiel ist eingebettet in eine herzerwärmende Romanze, die an eine schmachtende Teenagerzeit erinnern könnte. Die Identifikation mit jenem Teenagerstoff ist nicht unbedingt notwendig, wirkt nicht wirklich störend und trägt zum doch schon ins Melancholische driftenden Grundton des Films bei. Passend dazu sei die Musik hervorzuheben, die abgestimmt und angemessen erscheint.
Nimmt man nun die vielen Eindrücke der 100 Minuten Laufzeit zusammen, so ergibt sich an einem trist-nebligen Januartag ein außerordentlich sehenswerter Film (mit gutem Schlusstwist), der einem das Gefühl jener unbedingten Motivation vermittelt, für die es vielleicht doch irgendwann einmal zu spät ist.

Wertung: 7.5 / 10

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