Enter the Void (2009)

Eins vorweg: „Enter the Void“ ist ein berauschender, visuell umwerfender, soghafter Trip. Zumindest in den ersten anderthalb Stunden. In den folgenden 70 (!) Minuten wird dem Zuschauer einmal mehr Regisseur Gaspar Noés größtes Manko zuteil: Er interessiert sich nicht für seine Figuren und deren Schicksal, bzw für den Menschen im Allgemeinen.
In Hinblick auf die Kameraführung und das visuelle (Set-)Design, an dem über 50 Grafikdesigner beteiligt waren, ist „Enter the Void“ ein Gesamtkunstwerk. Die originelle Idee, dass der Zuschauer die Geschehnisse nach dem gewaltsamen Tod des Protagonisten aus der Perspektive der über den Dingen schwebenden und soeben aus dem Körper gefahrenen Seele des Verstorbenen beobachtet, wird allerdings nur zum Teil ausgeschöpft. Überaus mitreißend gestalten sich die Rückblenden, in denen wir Zeuge des Schicksals des heranwachsenden Oscar und seiner Schwester werden. Intelligent in die sonst eher spärliche Handlung eingewoben ergibt sich eine von schillernden, symbolschwangeren Bildern getragene Nach-Tod-Vision, verkörpert durch die fremdartige Lichterwelt Tokyos, die trotz drohender Reizüberflutung wohlig über unsere Netzhaut flattert. Gerade aber aufgrund der Vogel-Perspektive, die wir während des Großteils des Films einnehmen, werden wir auf großer Distanz zu den nur schemenhaft entwickelten Charakteren gehalten, und spätestes nachdem die Seele Oscars wieder in seinen Körper zurückfährt hätte „Enter the Void“ enden sollen, um nicht ins Belanglose zu kippen. Doch genau das geschieht im Anschluß: Die Handlung setzt fast vollends aus und wir bekommen eine platte, von überdeutlicher Symbolik überfrachtete Kreislauf-des-Lebens bzw. Wiedergeburts-Farce geboten, die der „Skandal-Regisseur“ nutzt um 15 Minuten lang die Kamera über kopulierende Menschen kreisen zu lassen, bis wir schließlich einen Samenerguss aus dem Inneren einer Vagina zu sehen bekommen. Wollten wir nicht alle schon immer mal die Vagina-Perspektive einnehmen?
Zwischendurch macht uns Noé weis, dass in Tokyo der OP-Tisch zum Präsentierteller wird, auf dem die Patientinnen splitternackt liegen, während der Arzt an ihnen herumschnibbelt und eine Abtreibung durchführt. Auch das wird freilich gezeigt, anschließend wird dann mehrmals auf den frisch entfernten Fötus gezoomt. All das geschieht in einer quälenden, ausladenden Länge und obendrein ohne ersichtlichen Grund: Es genügt Noé ein paar mal das „Tibetanische Totenbuch“ zu erwähnen um seine Nach-Tod-Ausschweifungen zu rechtfertigen und die Symboliken zu untermauern.
Bei seinem Vorgängerwerk „Irreversible“ ließ Gaspar Noé die Gewalt und Obskuritäten eskalieren und verlor dabei die spärliche und keinesfalls neue Rache-Story sowie seine Figuren aus den Augen. Ebendies geschieht auch im letzten Drittel von „Enter the Void“ durch die Eskalation von Bilderfluten, die wirkt, als habe Noé alle Überreste, die nicht in die Handlung passten, ans Ende gepackt und degradiert damit seinen Film zu einem überlangen Bildschirmschoner für Junkies, der alle anderen dazu einlädt, sich nebenbei mit anderen Dingen zu beschätigen oder gar abzuschalten.
Nach dem missratenen „Irreversible“ stellt „Enter the Void“ alles in allem einen Schritt in die richtige Richtung dar, überzeugt er doch in den ersten 90 Minuten und kommt weitgehend ohne Gewaltexzesse aus. Damit spielt Noés neuester Streich in etwa in einer Liga mit seinem Erstlingswerk „Seul contre tout“ (dt. „Menschenfeind“): Im Ansatz gut, aber nicht vollends überzeugend, denn Gaspar Noé weiß zu schocken, und seine Filme bleiben daher lange im Gedächtnis. Aber ganz offenbar fehlt ihm das Gefühl für den Menschen und der intendierte Mindfuck bleibt aus.

Wertung: 6.5/10.

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