Mütter und Töchter (2009)

Sneak!
Leben und Tod, blutsverwandte Kernidentität oder Identität als Sozialisationskonstrukt. Man stelle sich eine Gratwanderung vor, die sich bei der Verarbeitung eines derart ethisch aufgeladenen Stoffes zwangsläufig ergibt: Behutsam ineinander verflochtene Sequenzen balancieren inmitten von Authentizität, Wertungstoleranz und Identifikation. Die Langsamkeit der Erzählung darf nicht ins Behäbige abdriften, dagegen soll das heruntergefahrene Tempo den gezielten Blick auf die Charakterentwicklung lenken, deren Glaubwürdigkeit wiederum über die Anteilnahme des Zuschauers bestimmt.
Tatsächlich merkt man ‚Mother and Child‘ ab der ersten Einstellung seine auf eindringliche Charakterzeichnung getrimmte Form an, wobei harte Schnitte exakt pointierte Szenen zeigen, deren individuelle Existenz schließlich die Ganzheit der Schicksale abbildet. Aber wie gesagt, das Ganze mit Bedacht, langsam Fahrt aufnehmend, die Katze stets aus dem Sack linsen lassend, jedoch nicht hinausspringend. Es bleibt kaum ein Mutter-Tochter-Geflecht inkl. all jener denkbaren Konflikte unbehandelt und doch hat man zu keiner Stelle den Eindruck mit zu viel Input überhäuft zu werden. Zudem tut der Film keinem Weh bzw. Unrecht, verlässt sich auf seine wertneutrale Darstellung, die weder aus Tränen trieft noch einfach unbeteiligt wirkt. Ein Melodram als pure Reflexion sozusagen, auf das man sich natürlich einlassen muss. – Und genau an diesem Punkt könnten sich die Geister scheiden: Wer in einem Film eine Figur benötigt, die ein herzerweichendes Schicksal transportiert, auf dessen Meinung sich verlassen und auseinandergesetzt wird, kann mit Rodrigo Garcias ‚Mütter und Töchter‘ Probleme bekommen, weil eben alle drei Hauptdarstellerinnen (jeweils wirklich herausragend verkörpert von Naomi Watts, Annette Bening und Karry Washington) aus ihrem unsympathisch anmutenden Kern keinen Hehl machen. Einen Kontrapunkt setzt da der positiven Stimmung außerordentlich fördernd Samuel L. Jackson, der meinem Herzen doch am nächsten war. Jedoch lassen die drei Damen in ihren Rollen einen bitteren Beigeschmack mitschwingen, der sogar für einige WTF-Momente sorgte. Schräg und dennoch in letzter Konsequenz nachvollziehbar, teilweise amüsant und letztlich doch auf jeweils eigene Art und Weise liebevoll ergeben sich zumindest zwei ihrem Schicksal. Der Wandlungsprozess der letzten im Bunde verläuft am Offensichtlichsten, jedoch auch am klischeebedingtesten.
Alles in allem blieb zumindest bei mir kein Diskussionsstoff, vielmehr eine gute Menge Gesprächsstoff übrig, der für viel Verständnis und vor allem Sensibilisierung sorgte, was für die Reflexion bzgl. der im Film reflektierten Themen wohl unerlässlich ist.

Wertung: 7.5 / 10

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