Alles, was wir geben mussten (2010)

Sneak!
Ein Review mit direktem moviepilot-internen Zitat-Start (Batzman): „Als wenn Sophie Coppola „Die Insel“ neu verfilmt, bringt diese Romanverfilmung nach einem Script des überschätzten Alex Garland leider so gar nichts neues oder interessantes an den Tisch.“ Zugegebenermaßen schwirrte „Die Insel“ auch durch meine Gedanken. Jedoch macht eben dieser Vergleich wesentlich mehr her als obiges Zitat andeutet. Während nämlich der Blockbuster rund um Scarlett Johansson, Ewan McGregor und Steve Buscemi stets den Makrokosmos der ethisch-moralisch umstrittenen Ersatzteillager-Debatte fokussiert, rückt ‚Never Let Me Go‘ den Spotlight konsequent auf den beschränkt naiven Mikrokosmos dreier Menschen – Menschen, deren Schicksal auf Vollendung ausgerichtet ist und deren Leben wir in Sequenzen miterleben dürfen. Regisseur Mark Romanek verzichtet bewusst auf das pompöse Science-Fiction-Gewand inklusive harscher Holzhammer-Gesellschaftskritik, widmet sich dagegen intensiv der personalen Perspektive eines Menschen: Kathy (überzeugend zurückhaltend: Carey Mulligan). Detailliert in gediegener Schnelligkeit werden Einschnitte aus Flashbacksicht thematisiert, die sich in ausführlichster Bitterkeit um den Hals schnüren und dabei das ganze Ausmaß, übertragen auf weitere betroffene Menschen, nur erahnen lassen. Das funktioniert auch bis zum fazituosen, küchenphilosophischen Ende, vorausgesetzt man bringt die nötige Geduld für die außerordentliche Naivität und Einfalt mit, die den Charakteren ununterbrochen anhaftet (und das zu Recht!). Doch leider ist ein Film [imho auch dieser] nur so gut wie sein Ende bzw. dessen inszenatorischer Einbettung in den sinnstiftenden Gesamtzusammenhang. Ohne das Ende hier zu spoilern, drängt sich letztlich kurz vor dem Abspann die Frage auf, warum bloß das den ganzen Film umfassende Implizitkonstrukt derart durch explizite Aus- bzw. Ansprache der brisanten Thematik kurz und klein gehauen werden muss. Warum will sich ‚Alles, was wir geben mussten‘ unbedingt selbst erklären, warum nicht einfach allein die durchaus vorhandene Macht der Bilder nutzen und als überzeugendes Argument ausspielen? Warum nicht als Nebeneffekt eine hinterfragende Offenheit akzeptieren?
Schade!
Denn viel zu selten schafft es ein Drama wahrhaftige Ausweglosigkeit zu vermitteln ohne dass die involvierten Charaktere auch nur den winzigsten Hauch einer Ahnung verspüren – eine Ahnung von ihrer absolut unbefleckten Naivität, ihre gutgläubige Hoffnung auf ein anderes Leben, auf ein weniger vorherbestimmtes. Viel zu oft überwiegt dagegen die Darstellung der Unmenschlichkeit, der „bösen“ Gesellschaft als Katalysator für die unmenschlichen Grausamkeiten, die sich gegen jede Moral zu stellen scheinen. Und in Bezug auf genau diesen Aspekt ist ‚Never Let Me Go‘ interessant und neuartig: Er zeigt drei Menschen, deren Gleichberechtigung trotz ihrer vermeintlich zweifellos vorhandenen Menschlichkeit verweigert wird – von wem als Initiator ist dabei völlig latte! Kathy, aber auch Tommy und Ruth (Andrew Garfield in einer noch weltentfremdeteren Rolle als in ‚Boy A‘ und Keira Knightley als intrigant aufspielende Freundin – wie so oft grotten-dürr-hässlich) fehlt der Antrieb, überhaupt der Gedanke/die Idee sich aufzulehnen, auszubrechen aus ihrer vorherbestimmten Welt, eben weil ihnen das Recht auf Menschlichkeit während ihrer manipulativen Sozialisation abgesprochen wurde (sofern man akzeptiert, dass Menschlichkeit auf Selbstreflexion gründet.) Dieses Detail macht neben der konsequenten Fokussierung des Mikrokosmos‘ den bitteren Unterschied aus.

Wertung: 7.0 / 10

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