Das letzte Schweigen (2010)

Die deutsche Produktion „Das letzte Schweigen“ hat mich einmal mehr erkennen lassen, wie wertvoll es sein kann, Filme, blind aus dem Regal der Videothek gegriffen, völlig unvorbelastet zu schauen. Wie ich im Nachhinein feststellte, wird der Film mit sehr gemischten, sogar überwiegend negativen Kritiken bedacht. Von fehlender psychologischer Tiefe ist da die Rede, der Film überzeuge zwar visuell, aber berühre nicht, Regisseur Baran bo Odar wolle mehr, als er letztlich erreichen könne. Zugegeben, die inszenatorischen und dramaturgischen Mittel, die Debütant bo Odar hier einsetzt, um einerseits zu unterhalten und andererseits zu erschüttern, sind nicht gerade subtil. Untermalt mit nahezu kontinuierlich dröhnenden, dissonanten Bassklängen verkörpert das hochkarätige Ensemble die allesamt mehr oder minder traumatisierten Charaktere in stylish-ästhetisierten Bildern flirrender Sommerhitze in trügerischer Idylle, eingebettet in eine verschachtelte, oftmals unchronologische Erzählweise, wirre Mystery-artige Albtraumsequenzen inklusive. Klingt überladen? Ist es auch, aber dennoch äußerst effektiv: „Das letzte Schweigen“ trifft mitten in die Magengrube und schildert die brisante Thematik der Pädophilie und Gewalt an Kindern derart eindringlich, dass es vermutlich nur allzu verkopften Filmkritikern gelingen kann, nicht berührt zu sein.
Lobenswerterweise gelingt Baran bo Odar das Kunststück, Pädophilie nicht zu diabolisieren, aber gleichzeitig auch nicht zu trivialisieren. Dabei erweist sich gerade die Entscheidung des Regisseurs, die Gräueltaten seiner durchaus menschlich gezeichneten Protagonisten nicht vollends explizit zu zeigen, als äußerst wirksamer Kunstgriff. Das Andeuten einer Vergewaltigung sowie eine kurze Sequenz eines Gewaltpornos genügen, um den Zuschauer zu schockieren, denn all das ist traurige Realität: Der verängstigte Blick des kindlichen Opfers, ein Mann mit Maske der sich das Hemd aufknöpft. Jeder erahnt was als nächstes geschieht. Die DVDs mit dem abscheulichen Inhalt stehen im Fernsehregal des Täters, gleich neben den CDs. Das sind Bilder, die sich einbrennen, ohne dass man wirklich etwas sieht. Bilder, die jeden Tag im Internet kursieren, ohne dass wir sie sehen. Zeugnisse von Verbrechen von gar unvorstellbaren Ausmaßen, zugänglich für jeden, dem gerade danach ist.
Trotz aller thematischen Brisanz gerät „Das letzte Schweigen“ aber keinesfalls zum moralinsauren Lehrstück mit der deutschen Produktionen allzu oft eigenen pathetischen Schwere, sondern funktoniert auch als äußerst spannender Kriminalfilm mit Nägelkau-Potenzial. Parallelen zu „Es geschah am hellichten Tag“ werden da nicht selten deutlich. Im Gegensatz zu der Dürrenmatt-Verfilmung anno 1958, macht sich aber der wahre Schrecken erst zum Schluss breit und stellt damit den letzten, mutigen Kunstgriff des Regisseurs dar: Ein offenes Ende, ähnlich dem der werkgetreueren Sean Penn-Adaption „Das Versprechen“ (2001) des Stoffes von Dürrenmatt. Das Sehnen des Zuschauers nach einem versöhnlichen Ende wird nicht zufriedengestellt.
Die von Anfang an bedrohliche Atmosphäre ist dabei zum Einen den gelungenen Kamerafahrten zu verdanken, zum Anderen aber vor allem dem eindringlichen Spiel der Darsteller, insbesondere jenes des vom schlechten Gewissen spürbar geplagten Wotan Wilke Möhring. Auch hier ist es dem glücklichen Händchen bo Odars zu verdanken, dass sich das grandios aufspielende, prominente Ensemble nicht gegenseitig zu übertrumpfen versucht, sondern auf hohem Niveau miteinander interagiert. Einzig die Figur des von Sebastian Blomberg verkörperten Polizisten David Jahn scheint zuweilen arg überzeichnet, das Klischee des trauernden Witwers, der seine schlaflosen Nächte damit verbringt, sich fieberhaft in seine Arbeit hineinzusteigern und dabei, und das wirkt nun wirklich etwas lächerlich, die Kleider seiner verstorbenen Ehefrau trägt, scheint doch arg abgedroschen.
Nichtsdestotrotz, „Das letzte Schweigen“ ergründet zwar keinesfalls die gestörte Persönlichkeit Pädophiler in seiner Gänze, und erstellt auch keine Chronik dieser immer häufiger als „Volkskrankheit“ bezeichneten, krankhaften Störung der Sexualität. Aber er rüttelt und schüttelt einen gehörig, macht betroffen, und versetzt uns in einen Zustand starken Unbehagens, was die verzeihlichen, durch temporäre Überladung entstehenden Schwächen der Inszenierung in den Hintergrund drängt. Zudem wird uns einmal mehr bewusst, wie wenig wir darüber wissen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die Kindern, und ihren Verwandten, so etwas Furchtbares antun, und vor allem, wie wenig wir darüber wissen wollen. Ein Beispiel: Laut einem Artikel in „Bild der Wissenschaft online“ von 2004 sind nur schätzungsweise 5% der Sexualstraftäter, deren Opfer Kinder sind, wirklich pädophil. Kinder seien in den meisten Fällen vielmehr „leichte Beute“. Gewusst? Ich nicht. Es handelt sich hier ganz offenbar um ein Thema, das trotz seiner Omnipräsenz in den Medien nur oberflächlich behandelt und selten mit Substanz und Wissen unterfüttert wird.
„Das letzte Schweigen“ ist ein empfehlenswerter Film, der zum Nachdenken -und fühlen zwingt und zum Recherchieren über ein äußerst schwieriges, unangenehmes, aber immer sichtbarer und wichtiger werdendes Thema anregt.

Wertung: 8/10.

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