Mein bester Feind (2011)

Sneak! (126 Tage vor Kinostart!)
Während die ersten Bilder so grade noch über die Netzhaut flimmern, wird beim Zuschauer bereits der Eindruck manifest: Hier geht es um Krieg, Nazis, Juden und den Holocaust. Dann erklingen die ersten Dialoge und man vernimmt neben einem typisch aufspielenden Moritz Bleibtreu einen sehr starken, österreichischen Akzent. Keine Untertitel.
Die Weichen sind gestellt, der Erwartungshorizont gegenwärtig – die Frage schlechthin: Wie wird welches Schicksal gezeigt bzw. in welcher Art und Weise weiß der Regisseur den äußerst schmalen Grat zwischen Heroisierung und stereotyper Darstellung der Nazi-vs.-Juden-Konstellation einerseits, sowie der Aufarbeitung der Geschichte im historischen Kontext andererseits zu vermitteln? (So ganz ohne Hollywood-Pathos) Und weiter: Was wird gezeigt, was darf gezeigt werden? Wie korrekt verhält sich der Film? Hinsichtlich was überhaupt – der „Geschichte“ etwa?
‚Mein bester Feind‘ ist nämlich, um es vorweg zu nehmen, als eine Reflexion auf mehreren Ebenen zu verstehen, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, da es sich um eine Romanverfilmung handelt – der Titel übrigens: ‚Wie es Victor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben‘ (von Paul Hengge). Es geht eben nicht um die historisch korrekte Darstellung der Ereignisse, wie sie scheinbar ‚wirklich‘ geschehen sind, auch auf die sogenannte ‚wahre Begebenheit‘ wurde angenehmerweise verzichtet – einzig bleibt ein pinibel konstruiertes Drehbuch, das stetig Fahrt aufnimmt und schließlich in einem ethisch-moralisch-emotionalen Wechselbad der Gefühle inklusive kulminierender Schlusspointe gipfelt. Und das Überraschendste: Moritz Bleibtreu spielt Moritz Bleibtreu und ist dabei authentisch im gegenwärtigen Kontext der Zeit!
Doch der Reihe nach. Regisseur Wolfgang Murnberger ist sich zu jedem Zeitpunkt über seinen wilden Genremix irgendwo zwischen Tragikomödie, Heist und emotionaler, absurd anmutender Situationskomik bewusst und generiert dabei ein Geflecht aus einer Geschichte, die sich selbst reflektiert und nie zu ernst nimmt. Vielmehr findet Aufarbeitung in übergeordneten Kategorien statt, deren Aktualität uns ständig und irgendwie schon immer umgeben hat und auch künftig umfassen wird. Die Zeit zwischen 1938 und 1945 (meinetwegen auch davor, wobei eben diese Unterscheidung filmintern eben grade eine untergeordnete Rolle spielt) ist zweifellos eine gesondert zu betrachtende, aber dennoch eine Spanne, die in vernichtender Deutlichkeit Konflikte vordergründig werden lässt, die immer schon da waren bzw. sein werden. Gemeint ist besagtes Geflecht aus einer Geschichte, die einen Brückenschlag wagt – bis in die letzte Faser durchdrungen von Neid, Missgunst, Vertrauen, Gesinnung, unreflektierten Handelns, Politik, Macht, Geld, vor allem Geld und … ja, und einem Sinn, einem feinfühligem, zwiegespaltenen Verhältnis zur abstrakten Vorstellung von … Kunst. Es ist ein Geniestreich die kapitalistische Komponente im Streben nach Reichtum bzgl. eines Kunstwerks zu reflektieren, dessen Wert ja ach so hoch erscheint (dabei sogar als Kriegskatalysator filmische Präsenz erhält), zugleich aber in keinster Weise der künstlerisch intendierten Wertfacette gerecht wird. Den hier filmisch in Szene gesetzten Kunstgedanken als Parabel zu lesen, zu erleben und ihn in einen Vergleich zum Wert einer Freundschaft zu setzen, erscheint bei näherer Betrachtung als unumgänglich. Der Gesamtzusammenhang ist demnach gesichert und spiegelt sich im vielfältigen, unterhaltsamen Wechselspielbad, das anspruchsvoll, aber zu keinem Zeitpunkt plump und einseitig inszeniert wirkt. ‚Mein bester Feind‘ entzieht sich der Gut-Böse-Thematik, indem er sich augenscheinlich genau darauf beruft und in Moritz Bleibtreus Schauspiel einen vermeintlichen Vorzeige-Stereotyp-Juden generiert. Victor ‚der obsiegene‘ Kaufmann ist jedoch vielmehr als Chiffre für Vertrauen, Toleranz und Geduld zu verstehen, Victors bester Feind dagegen als abstraktes Zeichen für Habgier, hinterlistigen Neid und Ungeduld. Die Überspitzung der vorgeführten Charakterzüge lässt sich allzu flott als Schwarz-Weiß-Malerei abstempeln, während sie eigentlich das holzhammerartige Entscheidungsdenken in Pro-/Contra-Kategorien unterstreichen will. Denn wann kann man sich schon einer Entscheidung sicher sein bzw. anders: Lässt sich wirklich alles in ein vorgefertigtes Positiv-Negativ-Wertekonstrukt pressen?
Auch wenn ‚Mein bester Feind‘ in der weiter oben beschriebenen Zeitspanne spielen will, soll und auch tut, in tradierter Form, so bleibt zu bedenken, dass dies noch lange nicht für eine annähernd historisch korrekte Charakterdarstellung spricht. Dumm wäre es diese nachzubilden, klug dagegen – und das zeichnet diesen Film aus – die Reflexion ausgehend von einem bzw. mehreren allgemeingültigen Konflikten im Menschsein zu thematisieren. Die Frage nach dem besseren, wertvolleren Menschen stellt sich dann nämlich nicht mehr.

Wertung: 9.0 / 10

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