The Man from Earth (2007)

[Filmkritik — enthält am Ende gekennzeichneten Spoiler]
Autor Jerome Bixby präsentiert uns mit ‚The Man from Earth‘ ein ambitioniertes Experiment in äußerst genuiner Form, sei es bezogen auf die filmische Realisierung oder die inhaltliche, zum Ende hin leicht erschütterte Konsequenz. Die Romanvorlage entzieht sich meiner Kenntnis, weshalb sich folgende Aussagen lediglich auf den Film beziehen können.Dennoch ist ‚The Man from Earth‘ ein Sonderling, der auch als solcher behandelt werden sollte, da sich eine nach herkömmlichen Gesichtspunkten verfahrende Bewertung überaus schwer gestalten dürfte. Dieser Text übernimmt eben diese Aufgabe als ähnlich ambitioniertes Experiment, weshalb vor der polarisierenden Auseinandersetzung mit den im Film angesprochenen Inhalten eine formale Analyse stattfinden sollte, die daraufhin eine deutliche Ausklammerung von bewertungstechnischen Kriterien erfahren wird.
‚The Man from Earth‘ als Kammerspiel zu bezeichnen würde zu kurz greifen – die Identifizierung mit einem Hörspiel dagegen schon wesentlich konkreter werden: Ein Setting (ein Raum + ein minimierter äußerer Bereich [kaum genutzt]), keine Analepsen/Prolepsen, keine Sprünge, kein Erzählbruch, keine Effekte, keine Action, keine Spannung im Sinne von Suspense, keine Finesse in der Charakterzeichnung; vielmehr Darstellung stereotyper Professoren, deren geschulter Welt-Blick einzig auf deren Wissenschaftshorizent fokussiert ist, diese aber in der Masse als (scheinbar) umfassend gebildetes Konstrukt fungieren; im tiefsten Innern dann schließlich zentral platziert: ein Mann, der fasziniert. Während ein Kammerspiel die Variation und Vielfalt in den Charakteren bebildert, Emotionen vermittelt, das rein Inhaltliche versucht visuell zu unterstützen, kann bei ‚The Man from Earth‘ offensichtlich die Bildersprache als hinreichender (aber eben nicht notwendiger) Zusatz zum Dialog aufgefasst werden. Die schauspielerische Leistung tritt nicht in den Vordergrund, wird jedoch bewusst vom Film als weniger wichtig eingestuft, um das Hauptaugenmerk hin zum Dialog zu verlagern. Typisch entzieht sich hier das Werk um Autor Bixby einer konventionellen Bewertung: Sollte ein Film bei zurückhaltender, unauffälliger mimischer und gestischer Schauspielleistung als Durchschnitt aufgefasst werden, obwohl der präsentierte Kern nicht auf dieser Ebene zu suchen und deshalb auch nicht dort zu finden ist? – Schwer. ‚The Man from Earth‘ muss sich allerdings dem Medium Film zurechnen, dessen Unterhaltungs- und Nährwert nunmal (auch) aus der Bildsprache gewonnen wird, weshalb es gerechtfertigt scheint ihm dies geringfügig, aber merklich abwertend anzukreiden.
Aller fremdartig anmutender Form zum Trotz will und sollte der Film nun auf inhaltlicher Ebene „förmlich“ explodieren. Jedenfalls werden Fragen aufgesprengt und flattern wild durch den knisternd gemütlichen Raum: Welche Rolle nimmt die Erfahrung eines jeden Individuums im Spiegel der übergeordneten, auf Allgemeinheit ausgerichteten Theorien ein? Welche Probleme erzeugt diese Struktur der Wahrnehmung? Was ist schon wahrhaftig beweisbar bzw. wann, wenn überhaupt, existiert die abstrakte Vorstellung von Gewissheit? Dürfen wir unsere eigenen Erfahrungen über die einer womöglich entgegengesetzt schlussfolgernden Theorie erheben, nur weil wir glauben die Wirklichkeit richtig zu erfassen, zu erfahren. Basiert nicht alles irgendwie auf Erfahrungen oder kann eine Denkposition a priori eingenommen werden, die tatsächlich über den Dingen steht? Die simple Möglichkeit eines 14000 Jahre währenden Lebens scheint erst unvorstellbar, weil garantiert irgendwie nicht erfahrbar, noch nicht erlebt wurde, noch nicht stattgefunden hat; aber dann, ja dann doch in gewisser Hinsicht denkbar, als Gedankenspiel, im Kopfkino, oder? Was ist schon Wirklichkeit, wenn die Mehrheit beim Lesen eines Buches nunmal auch eine mitreißende Erfahrung erleben, grade als ob man sie selbst verwirklicht hätte, oder nicht doch vielleicht sogar hat, abstrakt gedacht? Was bedeutet schon das Argument des biologischen Verfalls gegenüber der faktualen Unwiderlegbarkeit in der Wirklichkeit anhand nichtiger Symptome, Trophäen, deren Ursache, deren Ursprung auf die Schilderung einer Geschichte angewiesen sind? Ist letztlich die Frage nach der Richtigkeit bzw. Falschheit der 14000-Jahre-Frage komplett irrelevant? Kommt es nicht vielmehr auf die bloße Denkbarkeit und die damit einhergehende Unbeweisbarkeit an, die die Möglichkeiten zur Vervollkommnung unseres Lebens doch erst gewährleisten?!
Zugegeben: ‚The Man from Earth‘ weckt dieses Fragepotential, was die wohl lobenswerteste Aussage über ihn selbst sein dürfte, jedoch büßt er leider (so leid es mir tut) im Verlauf an der ihm eigenen, anfänglich unbestreitbar vorhandenen Kompaktheit ein. Die Begründung dieser These erfordert einen Spoiler, weshalb ein Weiterlesen ab der gleich einsetzenden Markierung erst nach der Filmsichtung erfolgen sollte. Für all jene daher an dieser Stelle das Fazit, dessen Kurzfassung ‚The Man from Earth‘ als absolut ‚Sehenswert‘ charakterisiert und das aufgrund der Idee der Umsetzung und der potentiell weitreichenden Erkenntnisgewinne. ‚The Man from Earth‘ – (danke übrigens, dass irgendein Verleih sich nicht einen beknackt anders lautenden deutschen Titel ausgedacht hat) – hat schon Eier. Ein Tritt in eben diese blieb zumindest mir, wie folgend erklärt, nicht erspart:
[SPOILER] Während zu Beginn die Faszination im Mitfiebern und der möglichen Erkenntnis im Theorienkonzept wider dem Erfahrungsbericht verankert ist, schießt sich Autor Bixby mit dem sich festlegenden, aufklärenden Ende im Science-Fiction-Gewand ein unverzeihliches Eigentor, da nun das unnachahmliche, verschwimmende Unbeweisbarkeitsphänomen grade mit einer eindeutigen Festlegung PRO Beweisbarkeit mit den Füßen getreten wurde. Eingelocht. Ärgerlich. Zudem der intendierte Religionenkonflikt eindeutig PRO Buddhismus entschieden, was wiederum zwar eine (zugegeben sehr alte) Kritik am Fundament des Christentums impliziert, die simple Möglichkeit einer unerklärbaren Religionsfreiheit jedoch zunichte macht! Dann auch noch, zuallerletzt, das Einsteigen der Frau ins Auto bei bewusstem Wissen der Unsterblichkeit ihrer scheinbar ach so großen Liebe. Das ist so kitschig und steht dem ganzen Film derart konträr gegenüber, dass ich immernoch nicht über die Verwertung der abschließenden Auflösungssequenz hinweg bin. Selbst ein Ende im blutigen, amoklaufenden Massaker durch Selbsttötung (auch als Religionskritik aufzufassen) aller Beteiligten hätte einen sinnvolleren Ausweg bedeutet, da so die Nichtigkeit des Daseins eine dekonstruierende Sinnentleerung visualisiert hätte. Aber eine Ich-bin-dein-Vater-Luke-Sequenz lässt zudem die schweigsame, mysteriöse, weise Art des John Oldman zu einer verpuffenden Lüge zerplatzen. Wie bereits weiter oben erwähnt, kann hier kein Abgleich mit der Romanvorlage geschehen. Ich wäre für einen Vergleich mit der Vorlage dankbar! [/SPOILER]
Schlussendlich sollte sich dennoch jeder halbwegs an Weltzusammenhängen interessierte Mensch diesen kurzen Film im Kammerspielkorsett anschauen, um einen Abgleich mit eigenen Erfahrungen und Theorien und … irgendwie beidem in Einem, oder umgekehrt … zu ermöglichen.

Wertung: 7.5 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 7.5 / 10, Abenteuer, Filmempfehlung, Filmkritik, Mystery, Science-Fiction veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu The Man from Earth (2007)

  1. benedict müller schreibt:

    Sehr geehrter Herr Spasti,

    ich kann nicht fassen wie ein Mensch der Milch aus Tüten trinkt und 1-3 am Tag in ein Gefäß scheißt, so einen furchtbaren aufgeblähten pseudo Schwachsinn schreiben kann. Wer hat ihnen das schreiben beigebracht? Ein Proffessor? Das Literarische Quartett?
    Sind ihre Texte Ironie? Für was für eine Spezies Mensch schreiben sie? Mensa Mitglieder?
    Sie mein Herr sind ein Idiot und jede Sekunde in der ich sie nicht persönlich kenne ist reicher an allem!

    haun se

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