Mr. Nice (2010)

Sneak!
Drogen!
Und täglich grüßt die ‚wahre Begebenheit‘ – Mr. Nice aka Howard Marks aka ein Ehemann mit Zeugungsdrang und zugleich: Ein „hochgebildeter“, stetig expandierender Drogendealer auf der Flucht vor den Behörden, involviert in die sich selbst infiltrierenden Behörden – und womöglich zuletzt ein Wrack seiner selbst? Fußend auf einer Autobiographie erzählt Regisseur Bernhard Rose eine Geschichte; wohlgemerkt eine Geschichte, die polarisiert, schockieren soll, cool sein will. Dazu eine offensichtlich geballte, einem geradezu ins Gesicht schlagende Brise von Echtheit, Authentizität, Greifbarkeit. Dem Unvorstellbaren, als Zuschauer, so nah zu sein muss ja gewissermaßen eine faszinierend halluzinierende Wirkung entfalten (wie bei einer Droge!), ein Leben in Abenteuer und Reichtum, sich wild in der Gegend umher treibend, der eigenen Bildung den wahren Tribut zollend, die Bevölkerung mit der Bewusstseinserweiterung in Form einer Pflanze versorgend. Und dann, immer mehr, mehr, MEHR. Dann die Quittung, erwischt, doch nicht. Den Kopf noch EIN Mal aus der Schlinge ziehend, das die letzte Chance symbolisierende Strohhälmchen ergreifen, unbedingt, durch einen schnittigen Clou, hah! Jetzt ein geruhsames, richtiges Leben leben. Leben! Steuern, Versicherungen, Identität, Familie, ein geregeltes Leben, Alltag … ALLTAG … LANGEWEILE! Ok, der letzte Deal. Ein alles entscheidender, verdammt ausgefuchster Plan, dabei skurril über die Zollbeamten triumphierend, ein letztes Augenzwinkern, erstmal einen Joint; ist ja auch ziemlich aufregend das Ganze! Und nun? Heimat. Familie. Tradition und Herkunft in der ländlichen Gegend, den eigenen, naiven, nichtswissenden, ihrem eigenen Sohn verständnisvoll die Kaution zahlenden Eltern ihren Frieden lassen, eine Inszenierung bieten. Und weiter. Meine mich verfolgende Kamera hat mich stets ganz groß im Blick, als Makro. Die Mikrostruktur interessiert mich nicht. Die Ferne, meine Zukunft, ist weit weg, viel zu weit für mich, um vorauszuplanen. Die reine Geldanhäufung muss genügen, mein Blick ins blaue Weite verschwommen, trüb. Die Nähe zählt; ach ja: SEX. JETZT. Und nun noch ein Joint, mit Genuss. Mein Doppel-, Dreifach-, nein … Mannigfaltigfach-Leben zieht an mir vorbei, mal wieder.
Mein Deal platzt.
Gefängnis.
Lange Zeit. 25 Jahre.
Keine Bewährung.
Wahnsinn, Krankheiten, Entzug, Kälte. Meine Frau und meine ohne mich aufwachsenden Kinder vermissend, vegetiere ich vor mich hin, von meinem vertrauten Undercover-Dasein verraten, in einem wiegenden Nichts verbleibend. Ich brauche eine Bestimmung, ein Ziel, für das es sich nun noch zu leben lohnt. Mein Verbleib ist meine Bildung! Ich bilde die Ungebildeten! Ich erlange Achtung im Gefängnis mittels Bildung! Ich bekomme es gedankt, später.

Bewährung, verdiente Bewährung.
Die Blase platzt: das Wiedersehen mit meiner auf mich wartenden Frau, meine strahlenden, Freudetränen vergießenden, triefenden Kinder umschlingen mich und mein Herz. Diesmal trieft es vor Glück, doch auch diesmal für immer? Das Leben ist und bleibt nunmal ein konsequentes Auf und Ab, sofern man es richtig macht, im Genuss badet, eben in aller Konsequenz – und was bleibt wirklich, wahrhaftig, einer wahren Begebenheit entsprechend? „Zugegeben, es gab in meinem Leben mehr als genug bewegende Momente. An den meisten Menschen zieht das Leben vorüber, während sie damit beschäftigt sind, grandiose Pläne zu schmieden. Überall, all die Jahre habe ich hier und dort Stücke meines Herzens gelassen und jetzt ist kaum noch genug davon übrig, um weiter zu leben.“
Was wäre das für ein kitschig anmutendes und doch zugleich gefühlvoll inszeniertes Ende mit Erzählerkommentar für einen Film namens ‚Mr. Nice‘. Nur leider entstammt letztes Zitat aus ‚Blow‘ und eben nicht aus dem knapp einen Jahrzehnt später veröffentlichten ‚Mr. Nice‘. Komisch, bietet doch ‚Blow‘ mit einem authentischen Johnny Depp Identifikationspotential, was Howard Marks in der filmischen Darbietung nur allzu oft vermissen lässt, bei aller intermedialer Anleihe. Die Kamera fokussiert ihn aus nächster Nähe und versteht es doch nur (s)eine leere Hülse zu zeigen, die von Ort zu Ort springt, ohne begleitende Emotion zu wecken. Der Plot entstammt im Wesentlichen einer Mischung aus ‚Blow‘ und ‚Donnie Brasco‘, dass es rappelt. Bei Kenntnis dieser beiden Streifen muss sich beim Zuschauer eigentlich zwangsläufig eine lächerliche Regung im tiefstem Innern zu Wort melden und verkünden: Na, wann landet er im Gefängnis und schließt er seine Familie noch in seine Arme? Das ‚Wie‘ ist dabei abermals entscheidend. Depps Erzählerkommentar lässt eine sympathisch anrauchende Erfahrung gegenwärtig werden, während Ifans‘ hintergründiger Kommentar eine über den Dingen stehende Arroganz widerspiegelt. So nach dem Motto:Mach du erstmal die krassen Sachen, die ich ja allesamt schon erlebt habe, immer am gefährlichen Rande des Todes balancierend, Love&Peace vermittelnd. Dann ist Ifans Schauspiel als lehrender Gefängnisinsasse bei Weitem nicht derart facettenreich wie Robbins grandiose Darbietung in ‚The Shawshank Redemption‘. ‚Mr. Nice‘ verkommt, ohne das jetzt weiter mit Beispielen anzureichern, zu erlebten Abklatsch, wahre Begebenheit hin oder her. Man mag hier entgegen halten, dass das nunmal die Storys sind, die das Leben schreibt und eben nicht in Hollywood idealisiert hergestellt werden. Meine letzte Frage daraufhin als spielerische Gedankenfigur (zu verstehen als Frage insbesondere für all jene, die meinen glauben zu wissen, was eine wahre Begebenheit ist): Inwieweit ist eine Autobiographie hinsichtlich der eigenen Person idealisiert? Oder anders: Wenn ihr euer Leben aufschreiben würdet (für die Nachwelt, authentisch, womöglich als erhoffte Verfilmung), wärt ihr nicht auch – versuchsweise – eine zumindest verdammt coole Type?

Wertung: 4.0 / 10

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