Rubber (2010)

Ein irgendwie menschlich wirkender Autoreifen, der durch telekinetische Kräfte Dinge zum Platzen bringt und schließlich aus Rache Menschen mordet, nachdem er an einer Reifenverbrennungsanlage vorbei gerollt ist? Das klingt nicht nur reichlich trashig, das ist es auch. Doch wer eine unterhaltsame Horrorfilm-Parodie mit schwarzem Humor und Laugh-Out-Loud-Schenkelklopfern erwartet, liegt falsch. Mehr ein filmisches Experiment als ein Vertreter des klassischen Erzählkinos, erinnert „Rubber“ an die Brecht’Sche Theorie des Epischen Theaters, auch wenn ein direkter Vergleich mit den Werken Brechts ein wenig zu hoch gegriffen wäre. Der jeglicher Kategorisierung trotzende Nicht-Film des französischen Regisseurs Quentin Dupieux, besser bekannt als Musiker unter seinem Künstlernamen Mr. Oizo, verwehrt sich jeglicher narrativer Elemente und kommt zu weiten Teilen ohne Dialoge aus. Ist man zu Beginn noch amüsiert während man den mörderischen Reifen bei den ersten Gehversuchen beobachtet oder Zeuge seines Faibles für Fitness-Sendungen im Fernsehen wird, kann sein teils minutenlanges Durch-die-Wüste-Rollen schnell monoton und einschläfernd wirken. Generell ist der Rachefeldzug des Gummiprotagonisten fast vollkommen spannungsarm, was auch dadurch begünstigt wird, dass von Anfang an die Instanz der Zuschauer, die dem absurden Geschehen aus sicherer Entfernung beiwohnen, eingeführt wird. So wird eine Fiktionalität der „Handlung“ suggeriert, die nur durch das Zuschauen des Publikums aufrecht erhalten wird.
Ist das nun eine Medienkritik? Oder ist „Rubber“ gar eine beißende Gesellschaftssatire? Diese These würde zwar durch den amüsanten, aber nicht ganz sinnigen Monolog des Lieutenant Chad zu Beginn über „reine Willkür“ gestützt, letztlich ist das Machwerk aber eindeutig zu zahnlos, um als kritisch-satirisch durchzugehen. Folgt man weiterhin dem Ansatz, „Rubber“ hinsichtlich seiner Elemente des absurden Theaters interpretieren zu wollen, so kann man durchaus essentielle Elemente dieser Dramentheorie feststellen: Die Distanz des Zuschauers zu den Geschehnissen sowie zu den Figuren bleibt bewahrt, der Fortgang der Handlung wird stets vorweggenommen, so etwas wie einen Spannungsaufbau sucht man vergebens. Ist folglich das für an Filmtheorie Interessierte Experiment gelungen? Nun, das ist mit einem entschiedenen „Jein“ zu beantworten. Das Spiel mit dem Zuschauer, welcher durch die Zuschauer im Film verkörpert wird, ist interessant, das Ad-Absurdum-Führen jeglicher narrativer Elemente und das Verballhornen des Gegensatzes von Realität und Fiktionalität gelingt jedoch nur zum Teil: Ein logischerweise etwas ausdrucksarmer Reifen ist als Protagonist, der einen Film mit 80 Minuten Lauflänge tragen soll, absurd hin oder her, schlicht nicht ausreichend. Was als Kurzfilm sensationell hätte werden können, verpufft trotz toller Bilder, coolem Soundtrack und reichlich Ambition irgendwo zwischen Schrottplatz und Autowerkstatt im Wüstensand.
„Rubber“ ist als mutiges, wenn auch etwas selbstverliebtes Filmexperiment sehenswert, zuweilen aber zäh wie Gummi und zahm wie ein zur Schaukel umfunktionierter Reifen auf dem Kinderspielplatz. Somit platzen zwar die Köpfe der Protagonisten, die der Zuschauer werden aber nicht mal zum Rauchen gebracht. Schade um die kultige Idee, „Rubber“ hätte auf 30 Minuten Lauflänge eingestampft zu einer wahren Trash-Perle werden können, bleibt aber letztlich nur bedingt im Gedächtnis.

Wertung: 6/10

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