Lolita (1997)

Adrian Lynes Romanadaption „Lolita“ ist einer meiner Lieblings-Hassfilme. Nun, nach wiederholtem Anschauen wage ich mich endlich an ein Review, welches hoffentlich meine ambivalenten Gedanken gegenüber dieses umstrittenen Machwerks auf den Punkt bringt. Zunächst einmal ist Vladimir Nabokovs Romanvorlage aus dem Jahre 1955 nicht nur eins meiner persönlichen All-Time-Favorites, welche ich als einziges Buch überhaupt bereits in zwei Sprachen gelesen habe, sie gilt auch als eines der bedeutendsten Werke der europäischen Literaturgeschichte der Nachkriegszeit. Der Roman sprüht vor galligem Humor und beschreibt die pervertierten Ansichten eines intellektuellen Monsters in faszinierender, hochgradig unterhaltsamer Sprache, voller herrlicher Neologismen. Man sympathisiert mit dem Mann mit dem Pseudonym Humbert Humbert, ist amüsiert von seinen zynischen Personenbeschreibungen und verfällt seiner selbstironischen Ausführung seiner eigentlich unbeschreiblichen Obsession gegenüber der erst 12-jährigen Dolores, von ihm auch liebevoll, sofern dieser Begriff bei einem Menschen wie Humbert überhaupt Anwendung finden kann, Lolita genannt. Lolita selbst erlebt der Leser als frühreife und teilweise laszive, sich durchaus ihrer Reize bewusste Kindfrau, jedoch keinesfalls als aktive Verführerin des 30 Jahre älteren Humbert, auch wenn sie den ersten sexuellen Kontakt initiert. Dolores tritt viel mehr als Opfer eines perfiden, schier unmenschlichen Vorgehens eines von der Obsession Getriebenen in Erscheinung, welcher sie seiner grenzenlosen Abhängigkeit von ihr zum Trotz fast kontinuierlich als sein „Haustier“ oder „Sklave“ beschreibt. „Lolita“ ist ein faszinierendes, vor Ambivalenzen geradezu zerberstendes Psychogramm und zudem ein pointiertes Sittenbild des Amerika der 1940er-Jahre. Was Nabokovs „Lolita“ jedoch sicherlich nicht darstellt, ist ein erotischer Roman. Jegliche zwischen Humbert und Lolita stattfindende sexuelle Interaktion -der Begriff der Erotik ist hier wohl zu vermeiden- wird lediglich angedeutet und stets durch Humberts zynischen, unterhaltsam-abstoßenden Blick beschrieben. Eben jene Sichtweise ist es, die „Lolita“ zu einem als unverfilmbar geltenden Roman machten.
1962 gelang es Stanley Kubrick, einen Teil des schwarzen Humors der Vorlage auf Zelluloid herüberzuretten und wurde Nabokovs Roman insofern gerecht, als jegliche Erotik ausblieb. Eine werkgetreue Adaption ist Kubricks „Lolita“ jedoch mit Nichten: James Mason ist als Humbert Humbert viel zu smart, charmant und nahezu väterlich gegenüber der viel zu brav wirkenden Shelley Winters, große Teile der Handlung wurden zudem verändert oder schlicht herausgelassen. Dies ist selbstverständlich auch den Ausläufen der prüden 1950er-Jahre zu verdanken, in welchen eine adäquatere Darstellung der Beziehung zwischen Humbert und Lolita schlicht nicht denkbar gewesen wäre. Als eigenständiges Werk ist Kubricks Variante des Stoffes sehenswert, als Romanverfilmung eher gescheitert als gelungen.
Was ist nun zu Adrian Lynes Adaption zu sagen? Kann ein Regisseur, der sich vermeintlichen „Schmuddelwerken“ wie „9 1/2 Wochen“ oder „Ein unmoralisches Angebot“, populäre Vertreter des trivialen, pseudo-provokativen Kinos der späten 80er bzw. frühen 90er, verschrieben hatte, den Stoff detailliert und werkgetreu verfilmen? Die Antwort muss auch in diesem Fall ganz klar lauten: Nein. Lyne macht aus dem kontroversen Stoff ein elegisch erzähltes Liebesdrama, untermalt mit der schwelgerischen Musik Ennio Morricones. Jeremy Irons interpretiert Humbert Humbert, indem er erneut routiniert seine Paraderolle des schmachtenden, vor Sehnsucht und Verlangen zerfließenden Romantikers zum Besten gibt, als sei er gerade erst dem Set von „Verhängnis“ entflohen. Von einem pädophilen Zyniker keine Spur, der schwarzhumorige Tonus des Roman-Humbert bleibt ebenso völlig aus. Domininique Swains Lolita gestaltet sich als nicht minder problematisch: Obwohl das Alter ihrer Figur von 12, wie im Roman, im Film auf 14 erhöht wurde, ist sie dennoch viel zu wenig „Kind“. Man sieht ihr ihr tatsächliches Alter zur Drehzeit von 17 Jahren nicht nur deutlich an, sie tritt auch zu sehr als aktive, manipulative Verführerin in Erscheinung, bei welcher Humbert Humbert gar nicht widerstehen kann, selbst wenn er das denn wollte. Swain steht dabei ihr eigenes Talent im Weg, die Kamera schwenkt allzu oft erotisierend um ihren Körper, womit eine mehr oder weniger ausgereifte Sexualität suggeriert wird. Die Eindrücke des Zuschauers werden schlicht fehlgeleitet, man könnte sogar sagen, der Zuschauer wird geradezu zum Voyeurismus genötigt, wenn er Dominique Swain alias Lolita in durchnässter, durchsichtiger Kleidung aufreizend unter einem Rasensprinkler liegend beobachtet. Diese Szene, welche die Figur Lolita einführt, offenbart nichts Kindliches an ihr, sondern betont ihre körperlichen Reize, womit dem Zuschauer implizit suggeriert wird, Humbert Humberts Erregung sei nachvollziehbar. Zwar endet auch Lynes „Lolita“-Verfilmung, die viel mehr eine eigenständige Adaption als ein Remake des Klassikers von Kubrick darstellt, im Desaster. Doch die finale Katastrophe wirkt eher wie der unumgängliche Ausgang einer tragischen Liebe als das Ergebnis eines zerstörerischen, sich jeglicher Moral verwehrenden Machtverhältnisses zwischen einem erwachsenem Mann und einem missbrauchtem Kind.
Hinsichtlich der äußeren Handlung ist Lynes „Lolita“ jedoch die gelungenere Verfilmung des Unverfilmbaren, werden die Stationen der Protagonisten auf ihrer unorthodoxen Reise quer durch die Staaten sowie damit verbunden die Stufen ihres Abstieges geradewegs in den Untergang und in die gegenseitige Zerstörung doch nahezu akribisch dem Roman nachvollzogen. Dabei ist besonders jene Szene, in der Humbert zum ersten Mal seiner Doppelgänger-Figur Clare Quilty, hervorragend-beängstigend von Frank Langella verkörpert, auf der Veranda eines Hotels begegnet, kongenial umgesetzt worden. Generell ist die Figur des Quilty das gelungenste Mosaik des Films. So birgt auch die finale Hinrichtung Quiltys durch Humbert ein Quäntchen des bereits mehrfach erwähnten schwarzen Humors und lässt somit den Geist der Vorlage für einen kurzen Moment aufblitzen.
Auch handwerklich triumphiert Adrian Lynes Film. Stilvoll bebildert und geradezu soghaft erzählt, verleitet einen das überlange Werk dazu, das desaströse Verhältnis von „Hum“ und „Lo“ prächtig unterhalten zu verfolgen. Perfektes Erzählkino also, welches jedoch die, milde ausgedrückt, „brisante“ Thematik des Kindesmissbrauchs, sowie den allegorischen Subtext des Sittenverfalls einer vordergründig prüden, konservativen Moralgesellschaft, durch trügerische Romantik und zahmes Softcore-Erotik-Geplänkel zu kaschieren versucht. Das Perfide daran ist, dass dieses Versteckspiel teilweise gelingt.
Einzig im letzten Drittel des Films scheinen sich Abgründe aufzutun, und so scheitert Adrian Lyne mit einem handwerklich makellosen Epos ebenso epochal an dem nicht zu bewältigenden Anspruch, einer übergroßen Romanvorlage und einer mit doppelt -und dreifachem Boden unterlegten Thematik des Untergangs, der Zerstörung und nicht zuletzt der Unmenschlichkeit auch nur im Ansatz gerecht zu werden. So ist Lynes „Lolita“ kein schlechter Film und ein facettenreicher Diskussionsgegenstand, aber als Romanverfilmung dennoch unzureichend.

Wertung: 5/10.

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