True Grit (2010)

Man nehme eine einfache (Rache-)Story eingebettet in eine Rahmenhandlung, erzähle sie aus der Retrospektive durch einen Ich-Erzähler aus dem Off, besetze die Charaktere mit einigen Hochkarätern, untermale die fantastischen Bilder mit schwelgerischer Musik, fertig ist das perfekte Epos! Könnte man zumindest meinen, aber die Coen-Brüder beweisen mit ihrem neuesten Streich „True Grit“, dass doch noch einiges mehr dazugehört, als die gängige Faustformel anzuwenden.
Zunächst wäre da der Hauptcharakter des Films, nicht etwa ein gestandener Held mit rauchendem Colt, Cowboyhut und Kippe im Mundwinkel, sondern die 14-jährige Mattie Ross, ein altkluges, vorlautes Nervenbündel, das den Cowboys die Kippen dreht und dem einfach mal der Arsch versohlt gehört. Schön, dass das der wunderbar dezent aufspielende Matt Damon als Anti-Held LaBoeuf in einer Szene kurzerhand für uns übernimmt. Hailee Steinfeld verkörpert die Rolle der Tochter, die nach Vergeltung der Ermordung ihres Vaters strebt, derart glaubwürdig, dass jegliche Scharfzüngigkeit, mit der sie es in Sachen Treffsicherheit locker mit jeder Pistole des Wilden Westens aufnehmen könnte, nicht etwa über das Ziel hinausschießt, sondern sich hervorragend in den Kontext des Films einfügt. Dieser besticht insbesondere durch eben jene pointierten Dialoge aller Figuren, gespickt mit einem fast schelmischen Wortwitz, welcher der 08/15-Rache-Story ein ironisches und daher unschlagbar unterhaltsames Flair verleiht.
Dann wäre da natürlich noch Jeff Bridges. Es ist eine wahre Wonne, dem, wie er sich selbst treffend beschreibt, „alten und fetten“ Marshall beim Nuscheln zuzuhören und beim Whiskey-Saufen sowie, in einer der besten Szenen des Films, beim Maisbrot-Schießen zuzuschauen. Dabei verkommt Marshall Rooster Cogburn jedoch keinesfalls zur Witzfigur. Jeff Bridges gelingt es, der heruntergekommenen, versoffenen, einäugigen Existenz seiner Figur gar heldenhafte Züge zu verleihen und überzeugt als Revolverheld, Lebensretter und nicht zuletzt: als Mensch.
Wie bereits eingangs erwähnt, ist bei „True Grit“ alles vorhanden, was ein (moderner) Klassiker braucht, inklusive tagelangem Reiten am Horizont bei Sonnenuntergang (was jedoch eher als ironische Referenz an das Western-Genre zu verstehen sein dürfte). Was „True Grit“ jedoch tatsächlich zu einem zeitgenössischem Klassiker macht, ist die feine Charakterzeichnung, die pointierten Wortgefechte und die grandiosen Schauspieler, die sich gegenseitig den Raum gewähren, welchen die Figuren zur vollen Entfaltung fordern. Natürlich fehlen weder Spannung noch perfekt choreographierte Schießereien in rauer Wildnis, somit bringen die Coen-Brüder essentielle Elemente des klassischen, sowie des zeitgenössischen Kinos miteinander derart sensibel in Einklang wie ein Fünf-Sterne-Koch ein Hausrezept der Oma mit neuen, frisch wirkenden Geschmackskomponenten anreichern würde, ohne dass es befremdlich schmeckt. Ein Film der alles hat und nebenbei dem totgeglaubten Western-Genre neues Leben einhaucht, ohne dabei die 2-Stunden-Marke zu sprengen (wie es ja eigentlich für das sogenannte „epische“ Oscar-Kino Gang und Gebe ist), kann wohl am treffendsten mit den Worten der Mattie Ross beschrieben werden: „You have true grit“!

Wertung: 9.0/10.

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