Kidnapped (2010)

Es ist gut, dass es solche Filme wie den spanischen Thriller „Secuestrados“ gibt. Nicht etwa, weil die Welt auf einen weiteren Film mit dem innovativen, absolut verwechslungssicheren deutschen Titel „Kidnapped“ gewartet hätte, in dem eine Familie überfallen und gequält wird, was natürlich nicht ohne Gegenwehr bleibt, bis die Situation schließlich eskaliert. „Funny Games“ lässt grüßen. Nein, es ist gut, dass es Filme wie „Secuestrados“ gibt, weil sie den Zuschauer trotz althergebrachter Story und vorhersehbarem Ausgang mit ambivalenten Gefühlen und Eindrücken zurücklassen und damit eine Auseinandersetzung mit selbigen erforderlich machen. Es gibt doch nichts überflüssigeres als Streifen, die man sofort vergisst. So schafft es Regisseur Miguel Ángel Vivas, von Anfang an eine Atmosphäre der Bedrohung zu schaffen, die sich allmählich breitmachende, klaustrophobische Panik des Gefangenenseins in den eigenen vier Wänden, in denen man sich in Sicherheit wägte, wird unmittelbar auf den Zuschauer übertragen. Dies ist zum Einen den guten Darstellern zu verdanken, zum Andeern dem geschickten Einsatz verschiendener stilistischer Mittel: Zum Einen kommt „Kidnapped“ mit nur wenigen Schnitten aus, zum Anderen werden mehrere Kameraperspektiven verwendet, die teilweise durch ein separiertes Bild parallel gezeigt werden und dem Zuschauer somit ein Gefühl von Echtzeit und damit einhergehend, eines beklemmenden Realismus vermitteln.
Natürlich wirft auch „Kidnapped“ wie alle verwandten Genre-Vetreter die Frage auf, inwiefern die explizite Gewaltdarstellung, die sich spiralenartig bis zur heftigen Klimax zuspitzt, gerechtfertigt werden kann. Dabei ergeben sich insbesondere in Hinblick auf die Darstellung der Tochter der überfallenen Familie Probleme: Von Beginn an wird ein beträchtlicher Teil der Spannungsaufbaus auf die quasi unvermeidbar erscheinende Vergewaltigung des Mädchens verwendet. Immer wieder wird die, im Übrigen erschreckend realistisch dargestellte Tat durch einen der Eindringlinge angekündigt und wieder verhindert, die Erwartungshaltung des Zuschauers durch dieses reziproke Spannungsmoment kontinuierlich gesteigert. Nennt man das nicht Voyeurismus? Die Vergewaltigung findet dann auch ziemlich genau am Wendepunkt des Plots statt bzw. stellt sogar selbigen dar, indem sie den entscheidenden Ausschlag für die endgültige Eskalation der Gewalt gibt.
Die Spannung eines Filmes auf ein schreckliches Verbrechen hin auszurichten ist eigentlich illegitim und trotzdem der eigentliche Clou von „Secuestrados“: Der Zuschauer erwischt sich dabei, es spannend zu finden, darauf zu warten, „wann es endlich passiert“, das eigene sensationsgeile Konsumverhalten von Gewalt in Filmen wird einem unmittelbar vor Augen geführt. Ich meine Hey, was wäre schon ein Film dieses beliebten Genres, wenn die brutalen Kriminellen ihre Souveränität nicht auch auf sexueller Ebene ausspielen würden? Sicherlich sind wir geschockt von solchen Bildern, aber ohne sie würden wir einen Film wie diesen nicht sehen wollen. Man denke an bereits erwähnten „Funny Games“, „The Last House on the Left“ oder sämtliche Ableger des Rape-Revenge-Kinos der Sparte „Extremities“ oder „I Spit on Your Grave“. Nicht umsonst wird auch auf dem Klappentext der DVD von „Kidnapped“ explizit erwähnt, dass die überfallene Familie eine „Teenager-Tochter“ hat. Das wäre wohl kaum von Belang bzw. erwähnenswert, wenn damit nicht auch impliziert wäre, dass besagter Tochter nicht zumindest eine besondere Rolle im Verlauf des Films zukommt. Wir sind geschockt und betroffen von dem was wir sehen, aber das wollen wir auch. „Kidnapped“ erreicht dieses Ziel in mehrfacher Hinsicht.
Ich hoffe zudem, hiermit mein eigenes Ziel erreicht zu haben: Ein provokantes Review über einen provokanten Film.

Wertung: 6.5/10.

Dieser Beitrag wurde unter 6.5 / 10, Drama, Filmreview, Horror, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Kidnapped (2010)

  1. Die Provokation ist dir gelungen. Die Vergewaltigung als das treibende Spannungselement anzuführen ist schon äußerst pikant. Der Klappentext der Blu-Ray geht hier sogar noch weiter und spricht von der „pubertierenden 16 jährigen Tochter“. Ob hier die Marketingabteilung des Verleihs einen „dirty old man“ in den eigenen Reihen sitzen hatte oder sich tatsächlich mit der medienwirksamen Ergiebigkeit von vergewaltigten Minderjährigen auseinandergesetzt hat, sei mal dahingestellt. Für dich ist es offenbar das leitende Thema deiner Kritik.
    Secuestrados“ in seiner Narration zwar äußerst simpel, war aber einer der Filme des letzten Jahres, die mir seltsamerweise am meisten Kopfzerbrechen bereitet haben.
    Doppeldeutigkeiten und Anspielungen wohin das Auge reicht. Wahrscheinlicher aber ist, dass „Secuestrados“ als das verstanden werden will, was er im Grunde ist:
    Ein kleiner, dreckiger exploitativer „Thrill-Ride“. Aber ein gut gemachter…
    Meine, am Wahnsinn grenzende Meditation mit diesem Film findest du, bei vorrausgesetzten Sinn für Humor, hier:
    http://multi-film.blogspot.com/2011/05/kidnapped-secuestrados-2010.html

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