Snatch. (2000)

Um nicht der Versuchung zu erliegen redundant zu sein, wiederzukäuen und vorangegangene Kritiken [siehe moviepilot] komplett zu ignorieren, lässt sich an ‚Snatch.‘ schön zeigen, inwiefern analytisch anmutende vermeintliche, auch teils gar nicht gewollte Objektivität der ach so verschrienen Subjektivität gegenüber steht. Denn am Beispiel des hochfrequentierten Zweitlingswerks des polarisierenden Regisseurs Guy Ritchie entscheiden verschiedenste Faktoren retrospektiv über die letztliche, in einer einzigen Zahl eingemeißelten Wertung, dessen Aussagekraft allzuoft erbärmlich überbewertet wird, da es zugegebenermaßen auf den zugehörigen Text resp. der einhergehenden Erwartungs- und Rezeptionshaltung ankommt. Rezipienten schreien förmlich nach einer Orientierung in unserem Zeitalter des Massenangebots, wonach es nicht verwunderlich ist, dass nicht wenige nach einer allgemein ordnenden Klassifizierung lechzen, die das Wunder vollbringt alles unter einen Hut zu bekommen. Das ist eine Illusion. Ein Film kann nicht auf nur ein extrem ambivalentes Zeichen reduziert werden, das im filmischen Rezeptionskontext auch noch als Güteurteil gesehen wird, da wir alle unterschiedlichste Voraussetzungen vor der Filmbewertung besitzen. Wir alle machen es trotzdem. Um uns selbst zurecht zu finden. Und um genau das den Lesern dieses Textes zu ermöglichen, gilt für einen mir dermaßen am Herz liegenden Streifen wie ‚Snatch.‘ die Perspektivübernahme hin zu einer Unterscheidung: Eine Betrachtung fernab einer Klassifizierung, demnach eben nicht als streng intermediale Referenz im Œuvre eines Autors und sämtlicher Genrekollegen ähnlicher Machart. Besten Gewissens lässt sich dafür das Review Hitmanskis lesen, das treffend ist und nach obigem Schema verfährt. Oftmals stößt das bitter auf, da Hitmanskis Autorenschaft so als exponiert begriffen wird, dies jedoch zwangsläufig die Folge der intermedial referentiellen Perspektive ist, deren Anmaßung viele sich nicht (unter anderem zähle ich mich auch dazu) erlauben wollen und dürfen, weil allein die pure Masse an filmisch erlebten Ereignissen erheblich sein muss, um nicht völlig angreifbar zu sein.
Nach dieser viel zu lang geratenen, jedoch notwendigen Einleitung lässt sich ‚Unterhaltung‘ als fließende Vergänglichkeit charakterisieren. Sie gehört einem wieauchimmer gearteten Zeitgeist an. ‚Snatch.‘ bricht mit herkömmlichen Schnittkonventionen, definiert wiederum ein eigenes Subgenre in ganz eigentümlicher Weise aufgrund seiner Kontinuität neu und erweist sich so als durchkomponierter Stil, schlichtweg als außerordentlich unterhaltend. Eben genau diesem zudringlich sind die äußerst pointierten Dialoge, deren Coolness ebenso variabel und damit Auslegungssache ist. Allerdings imponiert Guy Ritchies Werk durch seine elegante Konsequenz, die angesichts der hart ineinander greifenden Schnitte Homogenität stiften. Der Plot lässt die aus seinem Erstling ‚Bube, Dame, König, GrAs‘ erstklassig verschroben verwobenen Gangstertypen abgewandelt aufleben und miteinander harmonieren [oder auch nicht!], sodass deren Identifikationspotential trotz intendierter Überzeichnung erfrischend wirkt. Anders ausgedrückt, vermeintlich wieder ach so subjektiv, strahlt ‚Snatch.‘ Freude in jeder pinibel durchgestylten Einstellung aus, sei sie zeitversetzt organisiert oder einfach nur wiederholt tradiert. Situationen werden herauf beschworen, die zwar nicht unbedingt das Leben schreibt, in deren Perversität jedoch die meist unglücklich miteinander zusammenhängenden Umstände im Leben reflektiert werden. Das, was uns gezeigt wird, scheint zutiefst abwegig, baut aber mitfühlende Sympathie auf, da die unnachahmliche Gier nach Macht im abstraktesten Sinne karikiert wird. Dementsprechende, konsequent den Film überdauernde Slapstickeinlagen, wie der gewöhnungsbedürftige Ausdruck Pitts, wirken liebenswert und keineswegs schadenfroh bzw. unpassend. Wie schafft es in diesem Zusammenhang ein solcher Film die abgefuckt brutalsten Typen auch noch gut zu finden und über deren bspw. eloquenten Umgang mit Waffen zu amüsieren? Außerordentlich geschickt agiert grade das Erzählverhalten, das dem Zuschauer jederzeit die Möglichkeit gibt mehr zu wissen als die Protagonisten aus ihrer ganz persönlichen, eingeschränkt gierigen Perspektive. In dieser simplen, dadurch nicht weniger genialen Maßnahme gelingt es Regisseur Guy Ritchie Substanz zu manifestieren. Substanz, die im Laufe der Zeit verloren gehen kann, je gewöhnlicher die Mittel der filmischen Darstellung werden, die bereits hier virtuos nahe an ihrer ganz eigenen Perfektionsgrenze kratzen. Treue in die eigenen Fähigkeiten, Konsequenz und die damit verbundene, ausgewogene Liebe zu jedem der vielen noch so unverfrorenen Charaktere findet man recht selten – ‚Snatch.‘ bietet jedoch die Möglichkeit, dessen Einmaligkeit anstandslos durch mehrmalige Sichtungen zu brechen und damit einen kleinen, großen Diamanten sein Eigen zu nennen.

Wertung: 9.5 / 10

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