Alles koscher! (2010)

Sneak! (mit Auszeichnung!)
Humor definiert sich über Erwartungsbruch. Obwohl die schiere Masse an unterschiedlichsten Lachergüssen wohl unergründlich ist – eben weil man am reinen Lach-Symptom per se nicht zwangsläufig auch auf die Ursache des wundersam spontanen Gefühls schließen kann – zeichnet sich an der Handschrift des britischen ‚Alles koscher!‘ eine recht markante Linie ab: Vermeintlich böser Humor gepaart mit absurder Überspitzung gebieten der mit Scheuklappen versehenen, radikal extremst eingestellten Religiösitäten Einhalt. Das kann durchaus, ohne jeden Zweifel, tierisch in die Hose gehen. Ein bisschen zu viel Klischee da, ein Hauch zu platt dort, eine Messerspitze zu kurios da hinten. Welch Glück, dass diese kleine, sympathische Komödie hier so fein würzt, dass wahrhaftig (und das bei aller religiösen Fettverbrennung!) kein modriger Bei- bzw. Nachgeschmack entsteht.
Allen voran mimt Stand-Up-Comedian Omid Djalili den von einem namentlichen Dilemma geplagten, in tiefster Identität erschütterten Familienvater äußerst authentisch, trotz der im Film vollführten Abstrusitäten rund um all die „göttliche“ Verwirrung. Denn grade er ist es, dem es gelingt, jenem Chaos Herr zu werden, das zwar einerseits dem wild überkonstruierten Drehbuch geschuldet ist, das andererseits aber auch jene Schnittstellen fokussiert, die ein Religionsbekenntnis ganz nüchtern an dessen extremen, sich selbst vermarktenden Symbolismen aus den Angeln hebt. Bildlich gesprochen weist ‚Alles koscher!‘ komplett offensichtlich, eben nicht subtil, auf die heftige, nicht hinterfragte, weil vermeintlich vom Schicksal bestimmte Bürde der Tradition hin, und überdreht bewusst den Regler fernab der Glaubwürdigkeit, um daraus wiederum die Lebensnähe, die vom Protagonist Omid Djalili verkörperte Authentizität neu zu erschöpfen. Zeitweise feuern die Seiten- und Spitzenhiebe im Sekundentakt und generieren so erst später zündende Schmunzler und Gluckser, was jedoch der lockeren, ursympathischen Stimmung inmitten der herrlich grotesken Situationen keineswegs schadet. Im Gegenteil: Ein Film, der sich bewusst als Reflexion und eben nicht als Realitätsabbildung begreift, kann auf ein wesentlich vielfältigeres Repertoire zurückgreifen, zwar mit der Gefahr zu überreizen, aber auch mit der Möglichkeit den Finger präzise in die Wunde zu legen und diese mit viel Salz garniert zu servieren.
Sofern man nun als Zuschauer ehrlich zu sich selbst ist, mit einer gehörigen Portion Toleranz gegenüber den herrschenden Vorurteilsparadigmen den Kinosaal bzw. bald die heimische Couch einnimmt, der situativen Konstruiertheit mit einem Augenzwinkern entgegnet und zugleich die unbedingt notwendige Empathie für einen in tiefste Identitätsverwirrung gestürzten Protagonisten aufbringt, kann einem vor sich hin grinsenden Abend eigentlich nichts mehr im Weg stehen – außer vielleicht einer strikten Aversion gegen britischen, trockenen, mit reichlich Slapstick abgeschmeckten Humor – Achso, geschenkt, ich sprach ja bereits von Toleranz!

Wertung: 8.5 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 8.5 / 10, Filmempfehlung, Filmreview, Komödie, Satire, Sneak! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s