The Chaser (2008)

Am liebsten würde ich nur „Genial. Punkt.“ schreiben. Aber damit dieser Blog funktioniert, muss man eben die eigene Begeisterung oder Abneigung, oder welche Gefühle und Eindrücke man auch über gegenüber einem Film hegt, mit einigermaßen nachvollziehbaren Argumenten unterfüttern. Man sollte sich aber dennoch nicht wundern, wenn ich im folgenden Text, für den ich wie so oft den Titel des zu rezensierenden Werks als Aufhänger benutze, meine Sätze mit lobenden Adjektiven überfrachte. Wie dem auch sei, los geht’s:
Der englische Titel dieses superben Thriller-Meisterstücks aus Korea (OT: Chugyeogja) erweckt eher Erwartungen eines gängigen, Action-fixierten Polizeifilms, tatsächlich ist „The Chaser“ aber einer der rar gesäten Filme seiner Art (ja vielleicht sogar der weitesgehend einzige), der seit „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) oder „Sieben“ (1995) die Charakteristika eben selbiger Genre-Meilensteine gleichsam effizient in sich vereinend zelebriert. Dabei huldigt Regisseur Hong-jin Na zwar den vermeintlichen Hollywood-Vorbildern und passt seine ruhige, aber dennoch pulsierende, fieberhaft spannende Erzählweise deutlich den Mustern des amerikanischen Kinos an, lässt sein Werk aber zu keiner Zeit als bloße Kopie erscheinen. Atmosphärisch dicht und teuflisch gut gespielt ist „Chugyeogja“ aber noch mehr als ein würdiger Genre-Vertreter im Fahrwasser der übergroßen, stilprägenden Hollywood-Schwergewichte, er ist ebenso als eine unterschwellige, aber scharfe Kritik an der südkoreanischen Ermittlungsarbeit interpretierbar: Der pyschopathische Killer-Typus des Films bemüht sich erst gar nicht großartig, sich oder seinen Wahnsinn zu verstecken, die Polizeistation ist direkt um die Ecke, und trotzdem tappen die dilettantisch agierenden Ermittler im Dunklen.
Zudem ist der Anti-Held des Films ein korrupter, in seiner Ambivalenz schimmernder Großstadt-Cop mit dunkelweißer Weste, ein Unsympath sondergleichen, der als Nebenverdienst eine ganze Riege leichter Mädchen für sich auf den Straßenstrich Seouls schickt. Eben diese fragwürdige Nebentätigkeit wird ihm schließlich zum Verhängnis, als seine sogenannten „Einnahmequellen“ peu à peu verschwinden und zuletzt alle den gleichen Kunden bedient zu haben scheinen. Indes wird der Zuschauer Zeuge der Gräueltaten, welchen die Frauen zum Opfer fallen und ist auf beunruhigend-faszinierende Weise unmittelbar ins Geschehen involviert, visuell und emotional.
Eine zusätzliche tragische Tiefe, die hinsichtlich ihrer tiefschürfenden emotionalen Dimension nicht selten der des Luc Besson-Klassikers „Léon-Der Profi“ (1994) gleicht, erreicht diese Psychothriller-Perle, wenn der zweifelhafte Held sich widerwillig der kleinen Tochter einer der ermorderten Prostituierten annehmen muss, um schließlich doch eine Art väterlicher Zuneigung, ja sogar ein für ihn bis dato unbekanntes Gefühl der Verantwortung und des Beschützerinsinkts für das Kind zu entwickeln. Eine wahrer Kunstgriff des Regisseurs, der „The Chaser“ zusetzlich zu seiner in brilliante Bilder gerahmten Nägelkau-Spannung und den von Zeit zu Zeit aufblitzenden, für das asiatische Kino teils charakteristischen grotesk-komischen Elementen von anderen Werken seiner Sparte deutlich abhebt. Vorausgesetzt natürlich, man geht davon aus, dass „The Chaser“ nicht ohnehin in einer eigenen Liga spielt.
Hierzulande unzureichend rezipiert, kommt „Chugyeogja“ bei Weitem nicht die verdiente Beachtung zu. Tiefschürfend, ergreifend und versehen mit einer unheimlichen und unheimlich spannenden Atmosphäre, die sich ohne Abstriche bis zur superben Auflösung wie ein roter Faden, stets begleitet durch einen unangenehmen, Tinnitus-ähnlichen Pfeifton, durch „The Chaser“ zieht, ist dieser ungemein unterhaltsame Thriller schlichtweg der beste der letzten Jahre und ohne Einschränkungen sehenswert. Fantastisch!

Wertung: 10/10.

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