X-Men: Erste Entscheidung (2011)

Der Autor dieses Textes darf sich wohl als Auserwählter begreifen; hat er doch das seltene Privileg ein 11 Jahre später gedrehtes Prequel einer mittlerweile äußerst bekannten Saga als realen Einstieg in die Reihe erfahren zu dürfen, so ganz ohne Insiderwissen, Figurenkonstellationen und dergleichen. Aber auch grade dieser Autor fühlt sich dazu gedrängt in die Lobhudeleien einzustimmen, die Inszenierung abzufeiern, die exzellent portraitierten Schauspieler in aller Ausführlichkeit zu würdigen, trotz und nunmal auch weil keiner (bzw. wenige) der vorausgegriffenen Andeutungen und Erklärungen von ihm verstanden werden konnten.
Was hervorsticht und eben diesem Autor erlaubt ehrfurchtsvoll in vollster Zustimmung zu nicken und zu jubeln ist zunächst einmal die lupenreine, saubere Einfügung und Initiierung eines uns alle betreffenden, kontextualisierten Konflikts, der furios um sich greift und die Macht nutzt, sich zu verflechten. Gemeint ist das Große Ganze, das, in mutierter Form [sic!], wonach Malick bspw. aktuell strebt und dessen Unter-einen-Hut-Bringens so viele Regisseure matt scheitern lässt: Das Streben nach dem größeren Wohl am sogenannten Gipfel der Gesellschaft, hier im Kontext der Evolution begriffen als Weiterentwicklung und Dekonstruktion von Gut-Böse-Denkschemata-Dualismen. Selten, außerordentlich selten sind die Nazis als ach so schnell verallgemeinerte Kategorie in einen Film derart pointiert eingebettet worden wie im hier wesentlichen X-Men-Prequel, eine Meisterleistung in gleitender Konsequenz überleitend zum Kalten Krieg hin zum atomaren Zeitalter. Regisseur Matthew Vaughn begründet nicht von oben herab mit Holzhammermethodik und -metaphorik den kausalen Zusammenhang der Mutationen mit der atmoren Bedrohung, vielmehr entwickelt er ähnlich wie J.K. Rowling ganz nah aus personaler, jedoch im Gegensatz zum Harry-Potter-Kosmos mittels wechselnder Perspektive die allesamt mehr oder weniger nachvollziehabren Beweggründe der Protagonisten. (Als Fußnote sei sowieso mal der auffällige Zusammenhang beider Erzählgesamtentwürfe hervorgehoben, der an anderer Stelle zur intermedialen / -textuellen Auseinandersetzung zwischen Mutanten, Menschen und Zauberern reizen würde … – naja) Jedenfalls spinnen sich natürlich sämtliche Fäden zentriert um die herausragend besetzten James McAvoy als junger Professor Charles Xavier und Michael Fassbender als späterer Magneto (wusste der Autor übrigens auch nicht und war über die Entwicklung überrascht! O_o), was jedoch nicht in besagtem eindeutig zuzuordnendem Dualismus mündet. Es wird eher ein zutiefst nachvollziehbares Freundschaftsgefüge präsentiert, das keinen der beiden als exponiert erscheinen lässt. Im Zusammenhang mit den als äußerst naiv dargestellten, ollen „Menschen“ allerdings, könnte man die zwiespältigen Intentionen der Mutanten durchaus als übergeordnet begreifen. Dieser Aspekt reift auch tatsächlich zum einzigen Kritikpunkt heran, ist jedoch in der Gesamtdarstellung zu vernachlässigen, da sich in das interduale Gefüge ein dritter, ergänzender Pol einschleust, der ebenso zu überzeugen weiß: Kevin Bacon aka Sebastian Shaw als absorbierender, nicht alternder Obermatz. Doch auch dieser weiß durch Gebrochenheit zu überzeugen, wenn auch eher auf einer subtilen Ebene, bei gewolltem Hineinversetzens in ihn.
Neben dem höchst philosophischen Grundtenor des Werks wurde dem Autor Action präsentiert – eine erfrischende Action so ganz ohne Transformers-overblowing-Augen-bashing. Diese Action war zugespitzt und nicht einfach nur der Action willen platziert, sondern diente der mit Dialogen angereicherten Vorstellung von einer besseren Welt. So war es letztlich wenig verwunderlich ein vergleichsweise actionarmes, dafür äußerst spannungsreiches Finale zu erleben, mit allerlei so im Nachhinein gespickten Seitenhieben. Auch für Nicht-Sci-Fi-Fans dürfte sich der Ausflug zu den ursprünglichen X-Men lohnen, wird nunmal nicht nur eine Vorgeschichte erzählt, sondern auch lebendig gemacht, was das Abstraktum der Evolution bedeutet – so als ob sie bzw. es uns betreffen könnte – oder nicht vielleicht doch schon direkt betrifft, ohne dass wir es bemerken.

Wertung: 9.0 / 10

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2 Antworten zu X-Men: Erste Entscheidung (2011)

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