Barney’s Version (2010)

Sneak!
Endlich erhält Paul Giamatti eine vollwertig filmtragende Rolle inmitten eines auf einer literarischen Vorlage fußenden Biopics um den polarisierenden Charakter Barney Panofsky. Endlich kann dem Facettenreichtum eines ambitionierten, bisher weitgehend unterschätzten Schauspielers Tribut gezollt werden und endlich kann womöglich eine Romanvorlage mit Verve und Charme inklusive innewohnender Reflexion der vielfältig ausgewatschten Schiene der wahren Begebenheit Einhalt gebieten, die unsere Kinos in letzter Zeit allzuoft in einem Tränenmeer der echt vorgeheuchelten Trauer um ein scheinbar authentisch erlebtes Leben versinken lässt; doch letztendlich vermag ‚Barney’s Version‘ trotz versiertem Charakterkino dies nicht zu erreichen, wohl eher aufgrund der hölzern uneleganten so-schreibt-das-Leben-nunmal-die-Geschichten-Story den Tragi-Tränen-Effekt provozierend zu verstärken, womit schließlich versucht wird eine wesentliche Tatsache zu verschleiern: Barney Panofsky ist ein Vollidiot wie er im Buche steht.
Barney Panofsky fliegt in sprunghaften Episoden das Glück in rauen Mengen zu, weiß ihn zu begeistern mit Frauen, einer – moment – zwei Hochzeit(en), einem Managerjob, einem Job im Filmbusiness und später dann einem Haus mit gesunder Familie, nie den Abgrund offenbarend und doch stets als Spiegel seinem persönlichen Abgrund besoffen entgegen grinsend – Barney Panofsky weiß nichts von all dem zu schätzen, rennt eher an seiner eigenen Hochzeit der soeben entdeckten Liebe auf den ersten Blick hinterher, alkoholisiert bis hinten gegen, mimt dabei den Trottel auf dem Gipfel des Klischees, der dem Zug hinterher wankt, sein vermeintliches Schicksal egoistisch ergreifend, nur um dann tatsächlich die dann noch besser aussehende, natürlich supersympathische Frau zu ergattern, der er in Stalkermanier das Herz stiehlt. So ergattert Barney Panofsky, der uns als Zuschauer retrospektiv sein Leben erzählt, alles, was er begehrt, und verspielt gleichzeitig selbstverschuldet all das auf einen Schlag, indem er sich unentwegt die Birne rauchend zudröhnt, indem er erst eine Frau heiratet, die er überhaupt nicht kennt und an welcher er dann doch tatsächlich – völlig überraschenderweise – direkt zweifelt [die sich dann natürlich auch als dumme Pute entpuppt, was zuvor bereits seine Andeutung fand], indem er geschätzte 1000 Chancen zur Wiedergutmachung erhält und sie alle dahingleitend verstreichen lässt. Barney Panofsky ist erbärmlich und in dieser Erbärmlichkeit eben nicht bemitleidenswert, da ihm eben nicht ein höheres Schicksal, eine übergeordnete Fügung einen Strich durch die [hier nicht vorhandenen] Lebenspläne macht – nein – Barney verlebt sein Leben und will durch Regisseur Richard J. Lewis später als kranke Heroengestalt verehrt werden, sein selbstverschuldetes Schicksal entblößt, dem Zuschauer Entsetzen suggerierend, wobei dies lediglich einem geheucheltem Selbstzweck dient Barneys verzerrte Realität auch noch als real versucht darzustellen. Barney’s Version hätte so viel reflexiver sein können, durch Erinnerungsbruch aufgelockert, sich selbst hinterfragend und damit auflösend (s)ein Leben darzustellen bzw. zu bewerkstelligen, was auf Vollständigkeit ausgerichtet ist und doch nie ausgefüllt bzw. erfüllt werden kann, da Barney Panofsky in seiner Erzählung logischerweise an seine eigene, zweifelhafte Erinnerung gekoppelt ist. Jedoch wurden all diese formal erzähltheoretischen Momente ausgegrenzt für eine in tiefster Abscheu ärgerliche Tragi-Lebensgeschichte, der es gilt nachzuweinen, weil sie ja ach so charakterlich wertvoll erscheint.
So wird schließlich ein toller Cast verheizt, der durch einen verspielten Dustin Hoffman herausragend ergänzt wird und mit Paul Giamatti an dessen Spitze einen außergewöhnlichen vielseitigen Schauspieler beherbergt, der hier sein Talent bzgl. eines verquerten, schrägen Charakters zeigt. Dabei sind die einzelnen Episoden für sich gesehen unterhaltsam gestaltet, bei der Kriminalgeschichte bspw. auch mit Spannungselementen gespickt, doch hinterlässt die ungenutzt erzählerische, über allem schwebende, von Tränen zertriefte Rahmenhandlung einen schalen Nachgeschmack, der das Gefühl vermittelt 134 Minuten einem Idioten bei der (selbstverschuldeten!) Entsorgung seines Lebens beigewohnt zu haben.

Wertung: 5.0 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 5.0 / 10, Biopic, Drama, Filmreview, Sneak! veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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