Insidious (2010)

Es ist amtlich: Das aus ‚Saw‘ bekannte Regisseur/Autoren-Duo James Wan/Leigh Whannell ziehen sämtliche, wenn nicht sogar fast alle Register der Kategorie Angst. Jeder Zuschauer dürfte seine ganz persönliche Schockvergangenheit aufarbeiten und seine Grenzen austesten im Konglomerat der Horrorartefakte und -prozesse. Natürlich wird es auch während der Rezeption dieses Films die üblichen Unschockbaren geben; diejenigen, deren einzige Angst sich aus dem bangenden Grauen der Enthüllung ihrer tiefsten Albträume schöpft – aber sei es drum, jene werden ‚Insidious‘ verreißen aus bekannten Gründen, mit den unbestreitbaren Argumenten der Kopieisierung [geiles Wort!], der simplen Tradierung sämtlicher Horrorkinokonventionen und der intendierten Innovationshaltung seitens der Macher, die sich auch diesem Argument beugen müssten. Jedoch kann man mit viel Wohlwollen und einem Hauch interpretativen Fingerspitzengefühls eine Chronik der Angst in der Inszenierung dieses Films erkennen, die es uns ermöglicht am – natürlich rein fiktiven, phantastischen – Schicksal einer Familie die spirituelle Konfrontation mit der ureigenen Furcht zu erleben. Die persönlichen Ängste schlummern normalerweise in tiefster Verborgenheit und trauen sich eigentlich nicht sich aus eigens auferlegter Scham bereitwillig zu zeigen, außer man wird ihnen selbst audio-visuell mittels symptomatische Zur-Schau-Stellung ausgesetzt, ohne sie verbergen oder verdrängen zu können – man wird schlichtweg dazu gezwungen sich ihnen zu stellen, um sich doch nur ein Mal mehr selbst zu beweisen, dass es sie noch gibt.
Der Autor dieses Textes verspürte Furcht, eine große Furcht, die sich in der in ihm schlummernden, milde ausgedrückten ‚Abneigung‘ vor alten Omas zeigte. Das mag einer anderen Person unverständlich erscheinen, doch bietet diese Angst Potential einer Auseinandersetzung, die in ‚Insidious‘ – wer hätte es gedacht – bewahrheitet wurde. Dabei betritt Wan neben den altbewährten Direkt-Schock-Szenen den Pfad der teils viel abscheulicheren Subtil-Schock-Szenen, die im steten Absuchen der Bildfläche groteske Fratzen und schier unerwartete Formen offenbaren und umso erschütternder wirken, wenn sie nur einem selbst und gar nicht allen auffallen. Wan verlässt sich dabei auf sein Gespür Verborgenes im trüben Schein versteckt zu halten, um es dann später rückwirkend wichtig hervortreten zu lassen. Dieser Prozess wird verdeutlicht mittels der vielen An- bzw. Vorausdeutungen im die Grenze zum Surrealen überschreitenden Plot. ‚Insidious‘ versteht sich als Reflexion und eben nicht als der Logik unterworfener Realitätsabgleich, macht daraus ja auch überhaupt keinen Hehl und sollte darum auch nicht jenen authentisch-wertenden Konventionen unterzogen werden, die allzu gern einen abstrusen ‚Geister-Horror‘ als Klamauk abtun, um sich so meist lediglich der Scham vor der eigenen Furcht zu entziehen. Hier strickt der Film sich behutsam die vielen Möglichkeiten der Angst zusammen, um sie schließlich äußerst wirksam ineinanderfließen zu lassen, wenn die Grenze zur Halluzination überschritten wurde. Bei Verfolgen des Plots weist ‚Insidious‘ keinerlei komische, vielmehr groteske Momente auf, die sich nunehr aus dem gebrochenen Erwartungsdruck ergeben, der ständig und allgegenwärtig während der Sichtung pulsierend aus dem Halse pocht. In der unendlich wirkenden Erwartung einer neuen, ungesehenen, aber durchaus möglichen Gefahr zeigt sich die persönliche Angst, der man sich als Zuschauer stellen sollte, um nicht zwangsläufig ein Leben lang von eben jener heimgesucht zu werden. Daher versteht sich dieser Grusel-Schocker wohl eher weniger als eine Kopie einer Kopie einer Kopie einer … sondern vielmehr als Resultat all dieser Einflüsse hin zur bewussten, zusammenwirkenden Verarbeitung. In der letztlich beantworteten Frage nach der Bewältigung einer Urangst zeigt sich die Kraft der betroffenen Protagonisten und deren Verletzlichkeit, sodass als logische Konsequenz in der Fiktion auch ein Happy-End infrage gestellt werden kann.

Wertung: 7.5 / 10

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