Sommer in Orange (2011)

Sneak!
‚Sommer in Orange‘ verkörpert pseudo-kritisches Dualismen-Kino, das versucht mittels Persiflage auf plattester Ebene eine satirische Auseinandersetzung mit dem weltumfassenden Konzept der Werte, Normen und Konventionen anzuzetteln und zugleich witzig spielerisch darauf aufmerksam zu machen, dass man sich besagtem Regelkonstrukt auf seinem individuellen Trampelpfad des Lebens nicht entziehen kann. Dazu passend das filminterne Fazit der (total misslungenen, überhaupt nicht komischen) Inder-Gottheit als schwebende Instanz im Schneidersitz, mit (natürlich) indischem Akzent (hier paraphrasiert): „Ich habe keine Ahnung – leb dein Leben … bla bla bla …“.
Soso, „keine Ahnung“ also. Nur so viel zum Inhalt: Regisseur Marcus H. Rosenmüller pickt sich nach autobiographischer Vorlage [Ich hasse das als authentisch propagierte Begründung!] ein erzkonservatives Dorf im tiefstem Bayern raus und verpflanzt eine aus Berlin anreisende Kommune mit angehendem Therapiezentrum zur Selbstverwirklichung auf einen integrierten Bauernhof – mit der Bürgermeisterfamilie rund um Vater Ernst als Nachbarn. Dass das nicht gut gehen kann, ist klar – gipfelt dann auch zwischenzeitlich in einer großen Klopperei, die leider den Fremdschämfaktor eines blankziehenden Kindes hat. Auch die vielen Slapstickeinlagen inklusive aller dialektalen Klischees sind geschenkt, doch das unumgängliche ‚Aber‘ folgt auf Schritt und Tritt, will sich dieser Streifen an bissigen, gegenwärtigen, internationalen Genregrößen messen, was durchaus eine Parallele zum ähnlich wirkenden, aber doch ganz anderen ‚Alles koscher! (2010)‘ erscheinen lässt. Im Grunde genommen ist eine Überspitzung des Plots, eine Überzeichnung der Figuren und eine pointierte Inszenierung ja so wünschenswert, auch für das (un-)geliebte deutsche Kino, jedoch fehlt es in ‚Sommer in Orange‘ an der würzenden Menge Fingerspitzengefühl, das einen Erwartungsbruch und damit schwarz angehauchten Humor erzeugen würde. Vielmehr beherrscht den Film dagegen eine ganz schlimme Abart der Phrasendrescherei und Holzhammermetaphorik, die jegliche Form von Subtilität im Keime ersticken lässt. Auf der einen Seite die sich bewusst abgrenzenden Individualisten entgegen sämtlicher Konventionen, die es trotz aller tollen Vorsätze nicht gebacken bekommen ihre Elternrolle in der primären Sozialisation zu bewältigen, auf der anderen Seite wiederum das festgefahren begrenzte Volk stagnierend in ihrem traditionellen Mikrokosmos, das haltspendende Vereinsleben verheerlichend und das antiquarische Bildungssystem der Disziplin&Ordnung aufrecht erhaltend. Subtil und unterschwellig mitschwingend umgesetzt wäre das ja auch alles absolut empfehlenswert, doch verhindert der Verzicht auf einen zum Mitdenken gezwungenen Zuschauer das zerberstende Grinsen über die hochgradig konstruierten Zustände. Sämtliche Szenen wirken derart durchschaubar, dass sich einem die Nackenhaare vor Scham aufstellen. Vor allem die Überzeichnung der überforderten Muttergestalt im Bhagwa(h)n ruft Erinnerungen an schlimmstes Schülertheater hervor, sodass nie an eine fordernde Satire auch nur zu denken ist.
Die „Message“ des Films passt insofern wie die Faust aufs Auge, dass sich keinerlei dekonstruktiver Denkmuster bedient wird, sondern eher die arg platte Attitüde der Selbstverwirklichung innerhalb der selbstgesetzten Konventionen vertreten wird, damit dann schlussendlich alle zusammen im Chor feierlich der kleinen Protagonisten ein Geburtstagsständchen singen können. Einzig die nachvollziehbaren Verwirrungen der kleinen Lili im abgedrehten Aufprall zweier Welten sind gelungen und verkörpern in der Zuwendung hin zu festen Werten und Normen das Haltfinden und Klammern einer zwölfjährigen im viel zu frühen Erwachsenwerden wider dem verantwortungslosen Kindsein. In seiner Gesamtheit versprüht ‚Sommer in Orange‘ jedoch eine Naivität gegenüber einer so großen, übergeordneten Thematik wie die der Konventionen / Normen / Grenzen, dass man sich nurnoch kopfschüttelnd und bemitleidend abwenden kann, dass dem deutschen Kino ein weiterer Repräsentant überhaupt nicht bissiger TV-Unterhaltung geschenkt wurde.

Wertung: 2.0 / 10

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