Uhrwerk Orange (1971)

Es gestaltet sich als äußerst schwierig, über einen Film zu schreiben, über den schon so viel gesagt wurde, dem Gesagten gleichzeitig etwas Neues hinzuzufügen ist dabei fast unmöglich. Zu viel wurde postuliert, unterstellt, interpretiert und behauptet. Gerade „A Clockwork Orange“ ist bei dem Versuch, einen viel umjubelten und ebenso kontroversen und oft missverstandenen Klassiker der Filmgeschichte einigermaßen adäquat zu rezensieren, ein unliebsamer Kandidat und eine echte Herausforderung, so wie der Film selbst, könnte man doch über jede einzelne Szene eine Doktorarbeit verfassen. Eine kurze Kritik kann ergo nur an der Oberfläche dieses Werkes kratzen.
Stanley Kubricks wohl umstrittenste Regiearbeit aus der Blütezeit seiner mittlerweile schon legendär gewordenen Karriere ist kaum zu beschreiben: Bedeutsam und wuchtig, seltsam und verstörend, vielsagend und gleichzeitig schwer zu fassen. Ungestüm klagt er ein großes Ganzes an und greift gleichermaßen nahezu unzählige Facetten eines brisanten Themenkomplexes auf, dessen scheinbar banal-plakative Message sich als tief in der Seele unserer Zivilisation verwurzelt und trotz aller vordergründig abgehobenen Realitätsferne voller Wahrheit steckend entpuppt: „Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Kubrick sei Dank macht es „A Clockwork Orange“ sich und dem Zuschauer die Sache nicht ganz so einfach, und dabei ist es gerade die Stilisierung der expliziten Gewalt, die als Hauptaugenmerk vieler Kritiker Kubrick den Vorwurf der Gewaltverherrlichung und sogar der Menschenverachtung einbrachte, welche den Film so ungemütlich macht und viele Fragen aufwirft, ohne befriedigende Antworten zu liefern, die den Zuschauer aus seinem Schock befreien und wieder wohlig in Watte packen würden.
Mit dem Stilmittel der Verfremdung, hervorgerufen durch die von Anthony Burgess (der Autor der berühmten Romanvorlage) erfundenen Kunstsprache „Nadsat“, welche ihrerseits eine Mischung aus Russisch, englischen Slang-Wörtern und Neologismen darstellt, sowie durch die mit der alles überragenden Musik des „großen Ludwig van“ untermalten, futuristisch anmutenden Bilder der exzessiven Gewalt, erreicht Kubrick ein kontinuierliches Gefühl des Unwohlseins beim Zuschauer und verhindert gleichzeitig eine Identifikation mit dem im Buch erst 14 Jahre jungen Protagonisten Alex deLarge. Der Anführer der „Droogs“ wird von Malcolm McDowell grandios als Unmensch ohne humane Züge oder sowas wie Gewissen dargestellt, die gesamte Ausstattung wirkt wie von einem fremden Planeten und der Wirklichkeit entrückt, die Darsteller chargieren hemmungslos und wirken wie Karikaturen ihrer Selbst. All diese Mittel der Vefremdung sprechen Kubricks Romanadaption mehr als eindeutig vom Vorwurf der Gewaltverherrlichung frei.
„A Clockwork Orange“ ist eine Parabel auf vielerlei Ebene. So finden sich zahlreiche Anspielungen auf Faschismus, ohne dass der Film jedoch selbst die häufig unterstellten faschistoiden Züge aufweist: Der fast schon komisch überzeichnete Gefängnisaufseher erinnert nicht nur äußerlich an Adolf Hitler (oder zumindest an Charlie Chaplins Verballhornung desselbigen), die Alex bei der (erfundenen) „Ludovico“-Therapie gezeigten Bilder des Nazi-Reiches machen diese Allusion zusätzlich deutlich. Die Lehnwörter der verwendeten Kunstsprache aus dem Russischen können zudem als Seitenhieb auf den Stalinismus verstanden werden, sowie als eine Allegorie auf die besonders in den 1960ern und 1970ern wachsende Bedrohung der USA durch die Sowjetunion und der daraus resultierenden Angst der restlichen Welt vor einer atomaren Katastrophe. Es wird ein korrupter, totalitärer Polizeistaat skizziert, geprägt von Willkür und Gewalt, worin rivalisierende politische Gruppierungen ein von der Gesellschaft verstoßenes und ein die Gesellschaft ebenso verstoßendes Subjekt für ihre eigenen Zwecke benutzen. Jeder nutzt hier jeden aus, der Zweck heiligt alle Mittel, der Zweck selbst ist jedoch ein unheiliger. Dies macht den sich jeglicher Kategorisierung verweigernden Film (auch die von mir getroffene Wahl, ihn als Drama einzuordnen, ist ziemlich ungücklich) zu einer bitterbösen Moritat über das Schlagen und Geschlagenwerden und die Doppelmoral einer Gesellschaft, die mit allen Mitteln, und seien sie noch so unchristlich, ein „Monster“ versucht zu normen und notfalls zu vernichten, welches sie selbst hervorgebracht hat. Damit einhergehend werden sogenannte „alternative Heilmethoden“ von Schwerverbrechern und sogenannten Geisteskranken, wie sie besonders in den 60ern Konjunktur hatten (man denke da z.B. an die Praxis der Lobotomie), ebenso kritisiert wie der vermeintlich resozialisierende Effekt einer Gefängnisstrafe. Insofern ist „A Clockwork Orange“ durchaus themenverwandt mit dem nur wenig später entstandenen „Einer Flog Über das Kuckucksnest“ nach Ken Kesey, welcher ebenfalls die Angst vor der Mechanisierung des Menschen thematisiert, der seinem freien Willens entzogen, zum bloß noch funktionierenden, auf die Grundfähigkeiten reduzierten Roboter degradiert ist (dahingehend ist wohl auch der Titel „Uhrwerk Orange“ zu verstehen).
Auch die Religion bekommt ihr Fett weg, die ihre Anhänger, ihre „Schäfchen“, mit dem Mittel der Angst unter ihren drohenden, mächtigen Fittichen gefangen hält. Die Auflösung der Familie ist ebenso Thema, sowie sexuelle Repression, visualisiert in Form von geradezu im Überfluss vorhandener Phallus-Symbolik.
Was ich mit dieser Aufzählung darlegen möchte, ist die schier unglaubliche Vielfalt der in „A Clockwork Orange“ angeprangerten Missstände, die in ihrer Gänze selbst beim wiederholten Anschauen nicht erschöpft sein dürften. Gerade der künstlich wirkende und sich jedweder unterhaltender Elemente verwehrende Kontrast von Aberwitz und Brutalität macht diesen filmischen Rundumschlag zu einem der stärksten und nachhaltig wirkungsvollsten Plädoyers gegen Gewalt der Filmgeschichte, sowie zu einem wütenden, wenn auch sperrigen Abgesang auf totalitäre Systeme, der bis heute nichts an Relevanz und Aktualität eingebüßt hat, im Gegenteil. Ein wichtiges Kunstwerk.

Wertung: 10/10.

Dieser Beitrag wurde unter 10 / 10, Drama, Filmkritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Uhrwerk Orange (1971)

  1. Jessi schreibt:

    Das ist die treffendste Beschreibung des Films die ich bisher lesen durfte!(und da ich eine Seminararbeit über den Film schreibe weiß ich wovon ich spreche ;) )

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