Wolf Creek (2005)

Warum der australische „Wolf Creek“ nicht nur ganz oben mitschwimmt auf der trendigen, sogenannten (und schon wieder etwas abgeebbten) „Torture Porn“-Welle, sondern gleichzeitig auch einer der besten seiner modernen Zunft ist? Nun, das kann man wohl nur mit Bemühung höchst subjektiver Motive erklären, denn objektiv betrachtet ist Greg McLeans filmischer „Bogan“ (nettes autralisches Slang-Wort und bedeutet zu Deutsch in etwa soviel wie „Prolet“) handwerklich vorzüglich gemacht, hochspannend und anfänglich subtil, bis sich der pure Terror unerbittlich entlädt, grandios bebildert und mit gelungenem Score unterlegt – aber eben nur einer von immerhin wenigen wirklich sehenswerten Vertretern seiner sonst meist doch eher qualitativ minderwertigen, amerikanisch dominierten Terror-Sparte. Aus welchem Grund dieser Genre-Routinier, der den titelgebenden Ort des Schreckens im landschaftlich gnadenlosen Western Australia absichtlich falsch schreibt (eigentlich heißt der zweitgrößte Meteoriten-Krater der Welt „Wolfe Creek Crater“) aber ein besonderer, gehobener Status im blutigen Einheitsgedärmebrei zukommt, kann man vermutlich nur dann erklären, wenn man selbst dort war – und tatsächlich eine Autopanne hatte. Zeit für eine kleine Anekdote:
2008 machte sich Euer Autor samt bestem Kumpel auf und bereiste ein Jahr lang den „roten Kontinent“ Australien. So wollte er es sich auch nicht nehmen lassen, kurz nach Sichtung des Films, zum „Wolfe Creek Crater“ zu fahren -wohlwissend, dass dort niemals ein Mord geschehen war, die dargestellten „true events“ tatsächlich auf mehreren Morden an Backpackern, geschehen in der Nähe Sydneys, basieren und bis auf einige wenige Aufnahmen zudem in South Australia gedreht wurde. Dennoch macht dieser Ort mitten im absoluten Nirgendwo einen besonderen Reiz aus, auch ohne Drehbuch. Doch tatsächlich kamen wir nie dort an, denn die unwegsamen 150 Kilometer Entfernung vom nächsten sogenannten „Ort“ Halls Creek bis zum Krater führen über eine mehr als holprige Schotterpiste durch die berüchtigte Tanami Wüste, die uns schließlich zum Verhängnis wurde: Wir überschlugen uns durch einen Fahrfehler Eures Autors und landeten im Busch – wenige hundert Meter vor der Abzweigung Richtung Krater. „Gerettet“ wurden wir von drei hilfsbereiten Cowboys (ihrerseits Bauarbeiter der besagten „Straße“ und wohl der Grund, warum überhaupt jemand so schnell vorbeikam) mit Schlapphut und einem breiten „No Worries“ auf den Lippen, die uns aus der Böschung zogen und beim Reifenwechsel halfen – und uns anboten, auf Ihrer Station zu nächtigen, da die Dunkelheit bereits hereinbrach. Nun, wir lehnten dankend ab, und unser gebeuteltes und später verschrottetes Auto brachte uns buchstäblich gerädert schließlich doch noch durch die Finsternis zurück nach Halls Creek. Ein Happy End mit Schrammen also.
Dieses einschneidende Erlebnis war nicht nur an sich schon absolut filmreif, sondern ließ mich (bzw. uns) am eigenen Leib erfahren, was „Wolf Creek“ wirklich so gelungen macht: Die realistische Atmosphäre. Regisseur und Autor Greg McLean fängt die Einsamkeit des Outbacks Australiens, die mit einer unvergleichlichen, ehrfürchtigen Faszination der unendlichen Weite einhergeht, perfekt ein. Nicht umsonst hat er wohl den Ort des Geschehens nach Western Australia verlegt. Eine deprimierende und gleichzeitig befreiende Leere, die jedem das Gefühl gibt, ein „Entdecker“ oder „Eroberer“ zu sein: Noch nie war ein Mensch vorher dort gewesen! So sind auch die Darstellungen der abenteuerlustigen Backpacker und ihre Begegnung mit dem widerlichen Fiesling Mick Taylor authentisch: Taylor, beängstigend gut verkörpert von dem vormaligen Moderator einer australischen „Ab ins Beet“-Variante John Jarratt, ist der typische australische Outback-„Bogan“: Freundlich, dabei irgendwie prollig, jedoch „Down to earth“ und hilfsbereit, in seiner scheinbaren Einfältigkeit irgendwie sympathisch und ständig das typische „Aussie-Slang-No Worries“ auf den Lippen. Kein Wunder also, dass sich die drei Backpacker, unter welchen sich glücklicherweise auch kein stupider Ami-Highschool-Stereotypen-Nervsack befindet und deren Charakterkonstellation und Dialoge (da z.T. improvisiert) natürlich wirken, von ihm helfen lassen – was sich natürlich als fataler Fehler entpuppt.
Auch bei der folgenden, dankenswerterweise sehr späten Entwicklung seiner naturgemäß vorhersehbaren, wie gesagt nur mit viel Wohlwollen lose auf Tatsachen basierenden Abzählreim-Story setzt McLean auf knallharten Realismus, eine Rechnung die, hier und da dramaturgisch-blutig aufgepeppt, mit kleinen verzeihlichen Abstrichen und Logiklücken auch durchaus aufgeht. John Jarratts Wandlung vom bodenständigen Trucker-Haudegen zum sadistischen Folter-Monster ist furchteinflößend glaubwürdig, einige Szenen brennen sich von der Netzhaut ohne Umwege ins Gedächtnis ein, dabei sind die Handlungen der Opfer bei ihren Versuchen, sich aus den Fängen der Willkür und des gnadenlosen Irrsinns zu befreien, nicht ganz so bescheuert und hinrnzermarternd dämlich wie in den meisten der filmischen Verwandten aus den Staaten („Am besten wir trennen uns!“). Die unerbittliche Menschenhatz gipfelt in einem an Spannung kaum zu überbietendem Finale, auch wenn der übermächtig-souveräne Killer den Fremden zu jeder Zeit überlegen scheint, da er die eigentlich lebensfeindlichen Begebenheiten seines Territoriums zu seinem Vorteil und der anderen tötlichen Nachteil effizient zu nutzen weiß (in anderen Bereichen nennt man das wohl Heimvorteil), somit der Ausgang des Films von vornherein klar ist und jedem, der schon einmal die Tanami Wüste von Halls Creek nach Alice Springs durchquert hat (oder unterwegs im Busch landete), bewusst ist, dass es dort keine solch hübsch ausgebaute Teerstraße mit Mittelstreifen gibt wie jene, die hier Schauplatz der finalen Jagd ist.
„Wolf Creek“ scheint auf erstem Blick ein besserer Vertreter des Schema F-Terrorkinos zu sein, bei näherem Hinsehen, und bestenfalls mit der Erfahrung im australischen Outback oder einer ähnlichen Landschaft gewesen zu sein, ist er aber vor allem eins: realistisch. Im Rahmen seiner dramturgischen Horror-Möglichkeiten natürlich, und im Verhältnis zum übrigen modernen Genre-Kino. Der Film lebt von seiner beeindruckend-atemberaubenden landschaftlichen Szenerie, die zu sagen scheint: „Sieh her, schau mich an, sei fasziniert. Und dann sieh zu, dass du wegkommst!“
Der nicht einheimische Mensch ist ein Eindringling, ein Fremdkörper in dieser Wüste und, auch das führt uns „Wolf Creek“ überaus eindrucksvoll vor Augen, das schrecklichste (Film-)Monster von allen.

Wertung: 8.0/10.

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