Brothers (2009)

Das US-Remake „Brothers“ des dänischen Independent-Dramas mit Ulrich Thomsen aus dem Jahre 2004 spart glücklicherweise von Anfang an an typisch-amerikanischem Militär-Kitsch. Regisseur Jim Sheridan, der durch das großartige Meisterwerk „Im Namen des Vaters“ (1993) mit Daniel Day-Lewis ebens berühmt wie durch den schlechten Scherz „Get Rich or Die Tryin'“ (2005) mit 50 Cent berüchigt ist, setzt mit ruhiger inszenatorischer Hand auf Realismus denn auf Pathos und treibt sein grundsolides Darsteller-Trio Natalie Portman, Jake Gyllenhaal und Tobey Maguire zu dezent-zurückhaltenden und trotzdem kraftvollen Performances an.
Dennoch bleibt „Brothers“ eher ein Melodram als ein differenziertes Psychogramm, das sich neben überaus starker und emotionaler Momente auch einige oberflächliche Sentimentalitäten leistet, die unnötigerweise in dem kitschigen Trantüten-Titelsong der irischen Altrocker U2 um Oberheulboje Bono gipfeln. Dabei stören vor allem die Darstellungen der Töchter der vermeintlichen Witwe Natalie Portman (wie immer überzeugend): Allzu fröhlich springen die zwei Kinder im Grundschulalter, deren heiß geliebter Vater offiziell gerade erst im Krieg gefallen ist, umher und tollen mit ihrem sich vom Knasti-Rüpel zum Gutmenschen und Vaterersatz wandelnden Onkel Tommy (Gyllenhaal) im Schnee. So dürfte es wohl auch keinen überraschen, dass Portmans Figur, der im Übrigen ebenfalls wenig Raum zur wirklichen Trauer eingeräumt wird, sich kurzzeitig von ihrer jugendlich-wilden Seite zeigt, an einem Joint zieht und eine Fast-Romanze mit dem rehäugigen Onkel eingeht. Die von Letzterem renovierte Küche (siehe da, der vermeintliche Taugenichts kann ja doch was!) dient dabei unmissverständlich als Symbol für einen Neuanfang und für das damit einhergehende Hinter-Sich-Lassen der Vergangenheit. Dieser Wandel aller Beteiligten sowie die damit skizzierte Trauerarbeit und gleichzeitige Annäherung der Familienmitglieder geht reichlich schnell von Statten, wodurch „Brothers“ besonders im zweiten Drittel mit platten und irgendwie unglaubwürdigen Momenten aufwartet. Auch der Anruf, der verkündet, dass Papa Maguire doch noch lebt, scheint bei Portmans Figur nicht den zu erwartenden Freudentaumel auszulösen. Dies stellt sich jedoch im Nachhinein als gelungene und adäquate Darstellung einer durchaus ambivalenten und komplizierten (Gefühls-)Situation heraus und so wird der Film im letzten Drittel zum kraftvollen Drama, was zwar nicht den Irrsinn des Afghanistan-Krieges wiederzuspiegeln vermag, aber durchaus die Zerissenheit und die Tragödie seines Protagonisten glaubhaft illustriert.
Das ist vor allem Tobey „Spidey“ Maguire zu verdanken, der durch ungeahnt tiefschürfende Einblicke in die Pathologie einer Wandlung vom Übervater und hochdekorierten Kriegshelden zum von der eigenen Schuld geplagten Psycho-Wrack, das mit seinem vorher in solch perfekten Bahnen verlaufenden Leben nicht mehr zurecht kommt, beeindruckt. Sichtlich abgemagert und von schrecklichen Erfahrungen in Gefangenschaft gezeichnet, steigert er sich in ein Eifersuchtsdebakel, um von seiner vermeintlichen Schuld abzulenken und findet sich in einer Welt wieder, die er nicht versteht und die ihn ebenso wenig zu verstehen scheint. Die realistische, wütende und dennoch behutsam auf dem Teppich bleibende Chronik eines sich abzeichnenden Amoklaufs gipfelt in einem fulminant gespielten Moment, der unweigerlich an Robert De Niros Travis „Taxi Driver“ Bickle erinnert, im positiven Sinne.
Insgesamt ist „Brothers“ ein gelungenes Remake, welches sich kaum Klischees, aber dennoch einige Sentimentalitäten erlaubt, die an der Glaubwürdigkeit des Szenarios zu kratzen scheinen, bis die starken Leistungen der Darsteller die Schwächen des Skripts und Zweifel der Zuschauer im letzten Drittel souverän vom Tisch fegen. Als Anti-Kriegs-Statement viel zu oberflächlich, überzeugt „Brothers“ als sehr um Zurückhaltung bemühtes, daher meist erfreulich unpathetisches Familien-Drama.

Wertung: 7.0/10.

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