Synecdoche, New York (2008)

Eins vorweg: Mr. Kaufman, ich liebe Ihre herrlich verworrenen, spleenig-sympathischen und tragikomischen Geschichten. Aber diese hier, muss ich frei heraus und zu meiner Schande gestehen, habe ich nicht ganz verstanden. Allzu freigiebig wird hier mit symbolträchtig brennenden Häusern, Warenhäusern in Warenhäusern und Doppelgängern von Doppelgängern von Doppelgängern um sich geworfen, als dass man hier noch den Überblick behalten und der eigentlich gar nicht so komplizierten Story um einen depressiven, von Psychosen geplagten Mann, seinerseits Schriftsteller, wie eigentlich immer bei Kaufman, der sein Leben detailgetreu in einem leerstehenden Warenhaus nachzustellen versucht und damit dem Begriff „Lebenswerk“ eine ganz neue Bedeutung verleiht, zu jeder Zeit folgen könnte. Hier steht alles für etwas anderes, die titelgebende rhetorische Figur der Synecdoche zieht sich wie ein roter Faden durch das verworrene Drehbuch; der einzige rote Faden, wie sich herausstellen soll, der sich nicht irgendwo im weiteren Verlauf mit anderen, eingeflochtenen Strängen verknotet und schließlich verliert.
Glücklicherweise wurde auch an liebenswert-skurillen Figuren nicht gespart, allesamt dargestellt von Hochkarätern der Schauspielkunst, die ihrerseits öfter einmal ihre Rollenwahl abseits des Mainstream ansiedeln. So gibt es ein Wiedersehen mit dem oftmals unterschätzten Multitalent Jennifer Jason Leigh, der immer souveränen Catherine Keener und mit der vielen unverständlicherweise noch immer nur aus „Minority Report“ bekannten Samantha Morton, die der 80er-Jahre-Horror-Ikone Tom Noonan die Klinke in die Hand geben. Noonan, der kurz als axtschwingenender Irrer an der Seite von „Last Action Hero“ Arnold Schwarzenegger Mitte der 1990er über den roten Teppich wandeln durfte, ist in seiner Rolle als Doppelgänger der Hauptfigur schlicht famos.
Angeführt wird das erlesene Cast vom Meister der bizarren und doch so menschlichen Charaktere, Philip Seymour Hoffman. Eine wahre Glanzleistung liefert Mr. Hoffman hier ab und beweist in seiner Paraderolle des abgehalfterten Niemand erneut, dass er trotz ewig währendem Bierwanst und ohne viel Maske oder sonstigem Tralala einer der wandlungsfähigsten, vielseitigsten und schlichtweg begnadetsten Charakter-Mimen der Gegenwart ist. Seine Figur des Caden Cotard (auch hier steht der Name für etwas anderes: Glaubt man Wikipedia, bezeichnet das „Cotard-Syndrom“ den wahnhaften Glauben, bereits verstorben zu sein und dürfte einen Hinweis auf die Schizophrenie der Figur darstellen) ist dermaßen bemitleidens -und gleichzeitig liebenswert, dass man ihr bereitwillig durch das Plot-Labyrinth von „Synecdoche, New York“ folgt, ihr trotz aller bereits erwähnten Zerfahrenheit tief gerührt und seltsam amüsiert auf ihrem Balanceakt zwischen Irrsinn und Bodenhaftung hinterher balanciert und mitfühlend versucht, nicht das längst verloren geglaubte Gleichgewicht endgültig zu verlieren.
Der sagenhafte Schlussakkord dieses in der Tat merkwürdigen, schwer zu kategorisierenden Films, setzt einem auf Zelluloid gebannten Gedankenspiel, welches sich nicht selten darin zu verlieren scheint, dass es keinen Regeln folgt, die Krone auf: Die Frage nach dem tieferen Sinn folgt jener nach dem Sinn des Ganzen im Großen und Allgemeinen, und doch birgt dieses aberwitzige Glanzstück viel Wahrheit und ist dabei unglaublich warmherzig. Der Zuschauer verliert sich mit dem Protagonisten, den er während der zwei Stunden Lauflänge irgendwie ins Herz geschlossen hat, in dessen aus dem Ruder geratenen magnum opus und ist nichtsdestotrotz begeistert, vorausgesetzt er ist ein Zuschauer, der sich für etwas begeistern kann, was sich ihm nicht auf Anhieb erschließt.
Ich gehöre zu dieser Gattung Zuschauer nur bedingt. Trotzdem ist „Synecdoche, New York“ ein künstlerisch wertvolles, nicht selten komisches und berührendes Stück Anders-Kino, das man gesehen haben sollte.

Wertung: 7.5/10.

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