The Man from Nowhere (2010)

Mit “Ajeossi” (2010) hält das koreanische Kino ein weiteres absolutes Highlight bereit. Es ist mir ja fast schon ein wenig peinlich, wieder und wieder vor Enthusiasmus übersprudelnde Lobeshymen auf verschiedene asiatische Werke zu verfassen und auf die Menschheit loszulassen, aber hat man einmal das asiatische Kino für sich entdeckt, finden sich immer wieder neue, oft schlicht atemberaubende Perlen, sodass es nicht schwerfällt, sich an einer ganzen filmischen Bewegung einen Narren zu fressen. So begeistert auch „The Man from Nowhere“: Zu Beginn stark angelehnt an „Léon-Der Profi“, inklusive Milch trinkendem Anti-Helden mit umsorgter Zimmerpflanze, mausert sich der bewegende Thriller zu einem einzigen, eigenständigen dramaturgischen Kunstgriff, der das berühmte Vorbild lediglich als Aufhänger zu nutzen scheint.
Dabei offenbart sich das einzige kleine Manko des Films direkt zu Beginn: Hauptdarsteller Bin Won, bekannt aus dem ebenfalls absolut sehenswerten Krimidrama „Mother“ (2009), wirkt bei der Verkörperung seiner wortkargen, äußerlich eiskalten Killer-Elite-Figur mit seiner etwas lächerlichen Dir En Grey-Frisur recht blass, ganz im Gegensatz zu der Kinder-Darstellerin Sae-ron Kim, die ohne altklug zu wirken oder auf die Tränendrüse zu drücken alle (erwachsenen) Beteiligten an die Wand spielt. Sobald sich Protagonist Cha Tae-sik dann kampfeslustig die Matte abrasiert und das eigentlich hervorragende mimische Spiel des Bin Won nicht mehr von seiner stylischen Haarpracht verdeckt wird, entwickelt sich der Film zu einer brutal-kaltblütigen Hetzjagd, makellos inszenierte Actionszenen halten sich die Waage mit ergreifenden Einblicken in das menschenunwürdige, kriminelle Unterwelt-Milieu des Drogenhandels und der „Ameisenkinder“, in welchem natürlich mit viel Rabatz ordentlich aufgeräumt wird. Dabei ist die Chemie der beiden ungleichen ProtagonistInnen trotz recht rar gesäter gemeinsamer Szenen ungemein stimmig, wodurch die temporeiche, knallharte Inszenierung, die in Punkto Gewalt, wie üblich bei südkoreanischen Rachedramen, keine Gefangenen macht, nie aus dem Gleichgewicht gerät: Man nimmt Regisseur Jeong-beom Lee die Story um einen ruhigen Pfandhausbesitzer mit einer brutalen Vergangenheit auf der Suche nach seinem einzigen Freund, einem kleinem Mädchen, deren Weg Genre-gerecht zunehmend mehr Leichen säumen, zu jeder Sekunde ab. Glücklicherweise sind die „The Man from Nowhere“ oftmals unterstellten Parallelen zu dem stupiden US-Reißer „96 Hours“ trotz mancher inhaltlicher Affinität ungerechtfertigt, da sich Cha Tae-sik keinesfalls stumpf prügelnd durch die Unterwelt massakriert, und dabei alle anderen Opfer des von ihm in Gang gesetzten Strudels der Gewalt links liegen lässt. Nein, auch den anderen Kindern, welche ein ähnliches Schicksal wie die von ihm gesuchte Jeong So-mi ereilt hat, wird geholfen: „Wir gehen jetzt nach Hause“, heißt es da.
Eine leicht zuckrig-sentimentaler Schluss steht am Ende einer Berg –und Talfahrt der Extraklasse: Dramaturgisch ausgebufft, moralisch trotz Rache-Story einigermaßen annehmbar und mit perfekt choreographierten Kampfszenen gespickt, ernsthaft und ohne Umschweife inszeniert, dabei gefühlvoll, packend, ungemein spannend und im Herzen gut. Klasse!

Wertung: 9.0/10.

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