Dancer in the Dark (2000)

„Dancer in the Dark“ ist ein Film, der als Gesamtprodukt ebenso polarisiert wie seine einzelnen Bestandteile. Der dänische Regisseur Lars von Trier war sich ja bekanntlich noch nie für eine Kontroverse oder das ein oder andere Skandälchen in eigener Sache zu Schade, erst dieses Jahr sorgte er mit seinen vermeintlich provokativen, letztlich aber einfach nur blödsinnigen, PR-wirksamen Nazi-Bekenntnissen im Rahmen seines Cannes-Beitrages „Melancholia“ für (kalkulierte) Furore. Mit seiner Hauptdarstellerin, dem isländischen Wunderkind Björk, trifft er auf eine nicht minder exzentrische Gegenspielerin, und wie gespannt das Verhältnis zwischen den beiden eigenwilligen Egozentrikern war, ist mittlerweile Filmgeschichte: So verschwand Björk einfach mal drei Tage vom Set, bezeichnete von Trier im Nachhinein als Sexisten und spuckte ihm jeden Tag vor Drehbeginn mit den Worten „Ich verachte Sie“ vor die Füße. Nun gut, wenn es der Kunst zuträglich ist, bitteschön. Tatsächlich scheinen im Falle des dritten Teils der von Trier’Schen „Golden Heart“-Trilogie die Spannungen am Set ein Grund für das eindringliche Ergebnis der diffizilen, doch fruchtbaren Zusammen- bzw. Gegeneinanderarbeit zu sein. Ein weiterer ist ohne Zweifel die daraus resultierende, atemberaubend lebendige Leistung Björks. Ihre Musik liebt man oder man hasst sie, so steht und fällt ihre einzige, und nach eigenen Angaben wohl auch letzte Hauptrolle in einem Film, auch mit ihren Songs und den unkonventionellen, von ihr komponierten Musical-Einlagen.
Damit zum subjektiven Teil dieser Rezension: Die internationale, fast zwei Dekaden umfassende Popularität von Björk ist ein Indiz dafür, dass die heutige Musiklandschaft sowie die Masse, die uns die Charts beschert, wider aller Erwartungen noch nicht komplett verdummt und abgestumpft ist. Wie auch bei ihrer Darstellung der Selma in „Dancer in the Dark“, scheint Björk ihre ungewöhnlichen Lieder nicht zu singen, sie scheint sie zu fühlen und kreiert damit eine seduktive Emotionalität und Klänge von Belang, denen sich Millionen von Menschen nicht entziehen können. Wer ihren häufig fast kindlich anmutenden Gesang als quietschiges Gekreische abtut, wird auch „Dancer in the Dark“ nicht mögen. Angelehnt an den minimalistischen Dogma 95-Stil verlässt sich Lars von Trier ganz auf die Fähigkeit seiner Hauptdarstellerin, ihre ungespielten, ungeschönten und durchaus authentischen Emotionen auf den Zuschauer zu übertragen – und triumphiert. Häufig wurde der zugebenermaßen recht plakativ geratenen Story des Films manipulative Sentimentalität vorgeworfen, ein Vorwurf, der nicht ganz unbegründet ist: Protagonistin Selma ist eine fast engelsgleiche Gestalt, kompromisslos hält sie stets die andere Wange hin, selbstlos, aufopferungsvoll. Eine unbedarfte, naive Frohnatur, die sich selbst bei ihrer Verurteilung zum Tod zu musikalischen Tagträumen hinreißen lässt. Jedoch, und hier schwächelt die Anklage, sie ist für das Heil ihrer mütterlich-fürsorglichen Motive zu einem Mord fähig.
Erneut ist es Björk zu verdanken, die voller Hingabe den fast unmenschlich guten Charakter ihrer Figur derart glaubwürdig interpretiert, ja regelrecht lebt, dass man ihr alles abkaufen würde, dass das Melodram hier nicht ins Unglaubwürdige abdriftet. In Kombination mit ihren fantastischen Songs und ihrer einzigartigen Stimme verzeiht man dem Film auch seine Ungereimtheiten, die ihm in der Kritik oft sogar das unliebsame Prädikat „dumm“ einbrachten, sowie das sentimentale und vorhersehbare, jedoch, wenn man sich darauf einlässt, zu Tränen rührende Ende.
„Dancer in the Dark“ ist ein durch und durch depressiver Film, ein von der Maschinerie der Gefühle angetriebener, blinder und sich vorsichtig vorantastender Tanz auf Eisenbahngleisen in die Dunkelheit. Er verkörpert, ganz wie seine Heldin, eine Reduktion und ein Verlassen auf Emotionalität, wenn einen das Augenlicht verlassen hat und sich die Welt, die einen umgibt, graduell und auf leisen Sohlen, aber wohl merklich verdunkelt. Eine Reise, wie man sie von dem nihilistisch veranlagten Zyniker Lars von Trier so gar nicht erwarten würde. Nicht selten wird ihm dieser Sinneswandel nicht abgenommen, oft wird in „Dancer in the Dark“ sogar der pure Sarkasmus, ein Mockieren üder das Spiel mit den Emotionen des Zuschauers vermutet. Dieser Vorwurf an sich lässt jedoch Rückschlüsse auf den verbitterten Zynismus seiner Kritiker zu, die es in ihrer Verrohtheit nicht glauben können, dass es so etwas gibt wie echte Emotionen, ganz ohne Hintertür. Dass sie ihren Kritikeraugen ruhig trauen dürfen, macht Björk uns jedoch unmissverständlich vor.
Trotz dieser Errungenschaft vermag „Dancer in the Dark“ jedoch nicht seinen gewichtigsten Wehrmutstropfen zu kaschieren: Das Fehlen einer Message, einer Intention. Dies ist ein Makel, der dem Vorwurf der vorgegaukelten, gefakten Emotionalität Wind auf die Segel gibt und leider zu wüsten Spekulationen und Überinterpretationen einlädt.

Wertung: 8.0/10.

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