Eine offene Rechnung (2010)

Sneak!
Unverfälschter und ehrlicher kann man einem filmischen Werk nicht entgegentreten, als durch eine Sneak mit der Nase vornüber hinein getaucht zu werden. Der Film rund um Regisseur John Madden entfaltet erst sein vollstes Potential bei fehlendem Erwartungshorizont – zugegeben postuliere ich das seit meinem ersten Post, jedoch peitscht es hier einem gewaltiger denn je ins Gesicht – . Weil lese ich mir auch nur die ersten paar Zeilen Inhaltsangabe durch [oder schaue gar den Trailer > andere Baustelle!], ist das geschickte Spiel auf narrativer Ebene futsch, zerstört, und wegen unserer Erinnerungsgabe auch nicht wieder herstellbar. Erzähltechnisch ist das nämlich echt fein formalisiert, was uns »Eine offene Rechnung« bietet: Dem Zuschauer werden immer wieder Fetzen vorgehalten, als Köder ausgelegt, sprunghafte Schnitte verlocken zu verfrühter Thesenbildung, und doch wird man letztlich wieder in die Bahn zurückgeführt, ganz behutsam, ohne Hast und Sensationsgier. Das zeichnet zurecht ein durchdachtes Drehbuch aus und eröffnet gerade erst diesem Film eine überzeitliche Ebene, die eben nicht nur inhaltlich ein kritisches Bewusstsein für Geschichte und allgemein Historizität schaffen will, sondern zugleich formal die Fäden hin zur Fiktionalität, zur Erzählung spinnt, die über Wahrheit und Lüge entscheidet. Zweifelsfrei sind wir darauf angewiesen das zu glauben, was uns vorgesetzt wird, sei es in einem Märchen, einem Roman, einem Krimi [oder hier Polit-Thriller], einem autobiographisch gefärbten Werk oder auch einem auf vermeintlich unumstößlichen Fakten fußenden Geschichtsbuch. Alles ist eine Frage des Mediums, der eigenen Erfahrungen. So manifestiert sich langsam aber sicher eine Wahrheit inzwischen womöglich stattgefundender und fiktiv reflektierter Ereignisse, deren kritische Hinterfragung uns überlassen ist. Ohne dabei jetzt zu arg auf Verschwörungstheorien oder dergleichen abzuheben, setzen uns die Autoren rund um Matthew Vaughn [zuletzt erst stark mit dem X-Men-Prequel »Erste Entscheidung«], einen gelungenen Spannungsbogen vor, der für das gewählte Genre unabdingbar ist. Denn: [Dafür sind mir die 2 Euro Phrasenschwein auch nicht zu schade] … »Ein Mann erzählt seine Geschichten so oft, bis er selbst zu seinen Geschichten wird. Sie leben nach ihm weiter. Und auf die Art wird er unsterblich.« [‚Big Fish‘]
Neben dieser vielleicht nicht direkt ins Auge springenden Finesse bietet »Eine offene Rechnung« glänzend aufgelegte Charaktere, von denen man keinen gesondert hervorzuheben braucht, da sie vor allem in ihrem Zusammenspiel eine authentische Atmosphäre schaffen. Helen Mirren wirkt dabei sichtlich zerfurcht und zerfressen von ihrem Gewissen, auch Ciarán Hinds steht die sich stetig entfaltende Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, ohne zu übertreiben. Die jungen Pendants rund um Sam Worthington wirken dagegen frischer, unverbrauchter, mit weniger Zweifeln gegenüber ihrer angedachten Tat behaftet, sodass sich erst langsam anbahnend ein Hinterfragen bzgl. der allumfassenden Gerechtigkeit andeutet. A propos Gerechtigkeit, Moral und Rache: Diese Motive geraten nur allzu oft ins kritische Kreuzfeuer, vorzugsweise in Verbindung mit Nazis, deren schablonenhaft stigmatisierende Zeichnung zu gerne vorschnell prophezeit wird, und das speziell im amerikanischen Kontext. Dabei lohnt es sich manchmal genauer hinzuschauen, offenbart sich doch scheinbar an dieser Stelle in Verkörperung des verquert denkenden, bedrohlichen Jesper Christensen [Top Mimenspiel!] abermals ein Nazi-Doktor, der nur zu gut in das Klischée des grausamen Schänders passt. Das ist wiederum durchaus kritisch zu sehen, bekommt Dr. Vogel doch Konturen samt Frau, neuer Existenz etc., die seine Vergangenheit zwar nicht ‚verbessern‘ oder beschönigen sollen, aber doch einen differenzierteren Zugang ermöglichen. Dieser reflektiert gleichermaßen die Einstellung der drei jungen Mossad-Agenten, die stets darauf bedacht sind alles richtig im Umgang mit dem Nazi-Schergen zu machen und letztlich doch bzgl. ihrer eigenen Zielsetzung versagen. Der Film stellt hier gute Fragen, was denn wahrhaft gerechtes, richtiges Handeln ist und wo jene Art des Denkens Schwierigkeiten mit den individuellen Moralvorstellungen bietet. Geschickt wird diese innere Auseinandersetzung mit einer äußeren Handlung inkl. zahlreicher Heist-Elemente angereichert, was wiederum zum Spannungsbogen zurückführt und die ausstehenden Antworten geschickt umschifft.
Denn trotz alledem kommt schließlich ein oft zitierter Spruch zum Tragen: »Ein Film ist nur so gut wie sein Ende.« [Mein Phrasenschwein wird fetter!] Ohne selbiges hier zu spoilern, spendiert das Ende keinesfalls ein zu plump geratenes Aufatmen ála ‚Endlich Gerechtigkeit!‘ – nein, vielmehr bleibt »Eine offene Rechnung« sich ein weiteres Mal treu: Weder die Tränendrüse wird überstrapaziert, noch die Handlungslogik erleidet Brüche. Was letztlich währt ist ein gut durchkomponierter Thriller, der es sich verdient hat gesehen zu werden, sein Potential vollends ausreizt, dieses aber auch nicht auf herausragende Weise übersteigt.

Wertung: 7.5 / 10

Dieser Beitrag wurde unter 7.5 / 10, Drama, Filmreview, Sneak!, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Eine offene Rechnung (2010)

  1. Pingback: Die Frau in Schwarz (2012) | SiameseMovies

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s