Melancholia (2011)

Lassen wir mal die allmählich schon tot geredete Kontroverse um Lars von Triers Nazi-Äußerungen des diesjährigen Filmfestivals in Cannes außen vor und konzentrieren uns auf sein dort vorgestelltes, und vielfach gepriesenes, Werk „Melancholia“. Der sinfonische, beinahe ausufernd elegische Film erzählt die Geschichte der tiefen Depression einer Frau, hervorragend verkörpert von Kirsten Dunst, während der titelgebende Planet unausweichlich auf die Erde zurast. Regisseur von Trier beschwört in seinem neuesten Werk eine stilprägende Apokalypse herauf, ein fast vollkommenes Drama, welches trotz seiner bedrückenden, aussichtslosen Thematik nicht hoffnungslos stimmt, sondern beim Zuschauer einen bizarren Gefühls-Mischmasch auslöst, welcher „Melancholia“ zu einem seltenen Filmereignis macht.
Untermalt von Motiven aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“-Vertonung, schrammen von Triers malerisch gestylte Bilder, die im krassen Kontrast des Dogma 95-Diktus stehen, nicht selten am Kitsch vorbei, eröffnen dem Zuschauer jedoch einen raren Anblick der Schönheit des Bedrohlichen, des Tötlichen, während sich die Metapher auf das dem Weltuntergang gleichkommende Krankheitsbild der Depression und die Gelassenheit des Depressiven im Angesicht bedrohlicher Situationen in der Mimik der von Kirsten Dunst mit Hingabe gespielten Justine niederschlägt – ein Gesicht, das Bände spricht.
Nicht weniger beeindruckend sind Charlotte Rampling als Justines verbitterte Mutter, und von-Trier-Liebling Charlotte Gainsbourg als ihre Schwester Claire, welcher im zweiten Part des Films die eigentliche, tragende Rolle der Verzweifelten im Angesicht der herannahenden, unumgänglichen Katastrophe zukommt. Dank von Triers in seinem neuesten Film erneut deutlich werdenden Affinität der verfremdenden Wirkung des Brecht’Schen Theaters, wird uns der Ausgang des Films in Form der totbringenden Kollision der Planeten bereits zu Beginn offenbart, und unser Fokus nicht von dem eigentlichen, menschlichen Drama abgelenkt. Insofern ist „Melancholia“ mit von Triers „Dogville“ (2003) zu vergleichen, welcher sich ebenfalls den Methodiken des Epischen Theaters bedient, allerdings ist in „Melancholia“ nichts von der visuellen Reduktion auf das Wesentliche, wie sie in „Dogville“ inszeniert, ja zelebriert wird, zu spüren. Die nahezu magischen Bilder erinnern stilistisch und ansatzweise auch motivisch nicht selten an jene aus Darren Aronofskys „The Fountain“ (2006) und nehmen eine symbolträchtige Hauptrolle ein, ohne jedoch das menschliche Dilemma zu pulverisieren oder zumindest, wie zum Beispiel teilweise in Aronofskys Drama, auf ein Minumum zu reduzieren.
„Melancholia“ scheint im wahrsten Sinne des Wortes Lars von Triers „magnus opum“ zu sein, das ohne die heftigen Provokationen des 2009er „Antichrist“, von Triers wohl umstrittenstem Film, auskommt und durch seine scheinbare Endgültigkeit schlichtweg begeistert.

Wertung: 9.0/10.

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