Trust (2010)

Die zweite Regiearbeit David Schwimmers könnte zeitgemäßer und gleichzeitig ungemütlicher nicht sein: Ein 14-jähriges Mädchen wird Opfer eines pädophilen Mannes, der sich im Internet als „Charlie“ ausgibt, sie monatelang in einem Teen-Chat umwirbt, um sich schließlich mit ihr in einem Motel zu treffen. Natürlich mit nur einem Ziel, und die Kamera läuft mit…
Mit einem flauen Gefühl im Magen und etwas zähneknirschend wagte ich mich an dieses brisante filmische Unterfangen heran, in der Erwartung eines reißerischen, pathetischen Selbstjustiz-Melodrams mit stupider „Schneidet dem kranken Perversen sein Glied ab!“-Message und Zuckerguß -und/oder Action-Showdown. In Gedanken rieb ich mir bereits die Hände und überlegte mir schon aggressive Adjektive, um Schwimmers Film mit einem bitterbösen In-der-Luft-Verriss zu bedenken. Vergebens, denn „Trust“ ist überraschend feinfühlig und, wenn auch nicht komplett klischeefrei, so realistisch wie ein amerikanisches Mainstream-Drama mit einem Thema, welches von allen Beteiligten einen Drahtseilakt abverlangt haben dürfte, nach heutigen Maßstäben nur sein kann. Soll heißen: Das soll erstmal einer besser machen!
Schwimmer vermeidet ein Chargieren seiner hochkarätigen Darsteller, die hervorragende Catherine Keener findet die richtige Balance zwischen Seele-aus-dem-Hals-Heulen und gestandener Ehefrau und Mutter im Angesicht der Krise. Clive Owen hingegen muss gegen ein paar marginal plakative Dialoge ankämpfen, die ihm von Zeit zu Zeit störenderweise in den Mund gelegt werden, meistert dies jedoch mit Bravour und gestaltet seine Figur vielschichtig, sodass ihre „Ein-Vater-sieht-rot“-Anleihen im verträglichen Rahmen verbleiben und nur in ein, zwei Szenen für missmutiges Augenrollen sorgen dürften. Besondere Erwähnung sollte jedoch Liana Liberato zukommen, welche die schwierigste Rolle des Films zu bewältigen hat und, in Anbetracht ihres tatsächlichen Alters, welches sich mit dem ihrer Figur deckt, möglicherweise einige Facetten ihrer eigenen pubertären Unsicherheit, des eigenen Gefühlslebens und, etwas klinisch ausgedrückt, die Schwierigkeiten der Synapsen-Neuordnung in ihr Spiel mit einfließen lässt. Zunächst betrachtet ihr Charakter sich selbst gar nicht als Opfer einer Vergewaltigung, „Charlie“ liebt sie doch, niemand sonst auf der Welt versteht sie so wie er, besonders nicht ihre Eltern und das FBI, welche so ein unverständliches Theater um ihre „Liebesbeziehung“ machen, und, was noch viel wichtiger zu sein scheint, er findet sie schön so wie sie ist. Liberatos Darstellung des manipulierten Mädchens ist so glaubhaft, dass es wehtut, man möchte sie schütteln und brüllen: „Mädchen, begreifst Du denn nicht, dass du Opfer eines furchtbaren Verbrechens geworden bist?“ Aber so funtkioniert das nicht. Liberatos Annie begreift erst, als sie getroffen wird, wo es wirklich schmerzt: Charlie hatte vor ihr schon andere Mädchen gehabt.
Dankenswerterweise konzentriert sich „Trust“ auf die Folgen der unbeschreiblichen Tat, den Kampf der Familie um Bestand, den Umgang des Verbrechens des Opfers, die Aufarbeitung des Traumas. Wie bereits erwähnt, bleiben die wohl natürlichen Rache-und Schuldgefühle des Vaters im als realistisch annehmbaren Rahmen, die fieberhafte Suche des FBI findet lediglich begleitend Erwähnung und, vor allem, das Verbrechen an sich wird nicht gezeigt, sondern lediglich angedeutet sowie in den Visionen des Vaters verfremdet und schemenhaft in ein paar Sekunden Länge visuell aufgegriffen. Auch wenn jene Szenen eher die Qualität einer Daily-Soap-Rückblende besitzen und generell eher überflüssig erscheinen, ist man Schwimmer als Zuschauer mehr als dankbar für die Entscheidung der Contenance. Wie leicht hätte man die Zuschauer mit einer expliziten Vergewaltigungsszene, eines Zeigen des Unzeigbaren, schocken, manipulieren und erschüttern, dem Film damit zu negativ-reißerischer Publicity inklusive allgmeinem Aufschrei in der Filmwelt verhelfen können, und hätte „Trust“ damit mit dem Exploitation-Holzhammer ins Aus geschossen. Das bedeutet natürlich nicht, dass das grausame Verbrechen nicht trotzdem, oder gerade aufgrund der eher angedeuteten Umsetzung im Mark erschüttert und „Trust“ dadurch zu bewegen vermag, ohne die Sensationslust so mancher Zuschauer zu stillen. Der Fokus wird jedoch nicht vom eigentlich Essentiellen abgelenkt: das menschliche Drama, und das lebenslange Trauma, das ein solches Verbechen bei dem Opfer und auch seinen Angehörigen auslöst. Regisseur Schwimmer findet einen sensiblen Weg, dieses Dilemma filmisch umzusetzen und vermeidet sogar das Hollywood-typische Happy End zu Gunsten eines in Hinblick auf die Aufklärung des Verbrechens ungemütlichen, offenen Endes, erneut mit dem Fokus auf das Gefühls -und Zusammenleben der Familie.
„Trust“ hat sicherlich Makel, von Zeit zu Zeit wirkt das Drama dialogschwach und auch das Drehbuch weist temporäre Mängel hinsichtlich der Glaubwürdigkeit auf. Wo Schwimmers schwieriger Film jedoch eindeutig gewinnt, ist die realistisch-ergreifende Darstellung der, milde ausgedrückt, „ins Wanken geratenen“ (Gefühls-)Welt der Familie, insbesondere punktet er jedoch durch die sensible Inszenierung des Opfers und des an ihr begangenen, furchtbaren Verbrechens. Das macht „Trust“ zu einem wichtigen Film, den man in Schulen zeigen kann, und sollte, trotz oder gerade wegen der am Ende aufgeklärten Identität (und des Berufes) „Charlies“, denn Themen wie diese werden im Schulalltag und im Studium der Schulpädagogik kaum angeschnitten bis totgeschwiegen. Das muss sich ändern.

Wertung: 7.0/10.

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