Antichrist (2009)

Diese Kritik enthält Spoiler!
Man kann es drehen und wenden, aufdröseln, in Einzelteile zerlegen, zu etwas Neuem zusammenfügen und lose Enden versuchen zu verbinden, indem man interpretiert, demontiert, analysiert und philosophiert, aber Lars von Triers „Antichrist“ ist und bleibt ein zwiespältiger Film. Ein Film jedoch, der sich gerade durch seine Zwiespältigkeit wie ein lästiger Parasit im Gedächtnis festbeisst und einen lange nachhaltig beschäftigt, einer, den man, um einen guten Freund zu zitieren, „gerne in der Dusche von sich abwaschen würde“. Ohne Erfolg. Ob sich diese Nachhaltigkeit nun positiv oder negativ auf die letztendliche Bewertung dieses zweifelhaften filmischen Erlebnisses auswirkt, schlägt sich exemplarisch in diesem Rezensionsversuch nieder: Man weiß es nicht genau. Der Verdacht drängt sich auf, dass genannte Zwiespältigkeit eher als Unausgegorenheit oder gar Mittelmäßigkeit treffender beschrieben werden könnte, was eine Gleichgültigkeit zu Folge hätte, die „Antichrist“ im Endeffekt wesentlich schlechter zu Gesicht stünde, als ein der Publicity förderlicher Total-Verriss, der diesem filmischen Kahlschlag mit dem Provokations-Zaunpfahl gebührend nachkäme: „Antichrist“ schmeckt, als schrie er danach.
Mehr noch als bei anderen Werken von Trier’s stellt sich bei „Antichrist“ die Frage, wie man Inhalt, visuelle Umsetzung sowie die explizite Darstellung sexualisierter Gewalt, wie sie vorher in der Form wohl noch nie zu sehen war, im Kontext zum künstlerischen Anspruch des Films zu bewerten hat. Bei der Eroierung ebensolcher Fragestellungen wird dem Drama oftmals Misogynie unterstellt. Ein Vorwurf, mit dem KritikerInnen, insbesondere solche aus dem feministischen Lager, üblicherweise recht schnell, nicht selten vorschnell, zu Feld ziehen. Im Falle von „Antichrist“ jedoch, ist eine gewisse misogyne Tendenz auch nach mehrmaligem Betrachten und Bewerten einfach unverkennbar: Sie, hingebungsvoll dargestellt von Charlotte Gainsbourg, deren Mut zur kompromisslosen Nacktheit in physischer und psychischer Hinsicht Respekt verdient, ist zweifelsohne insofern Schuld an dem tragischen Tod ihres Sohnes, als sie, wie sich am Ende herausstellt, den Unfall hat kommen sehen und die Zeichen, die daraufhin deuteten (das durch von Trier erdachte Motiv der drei Bettler auf dem Schreibtisch), hätte erkennen müssen, es jedoch stattdessen vorzog, ihrer zügellosen Lust zu frönen. Darüberhinaus personifiziert Sie den Wahnsinn, die Trauer, die Schwäche und vor allem die sexuelle Lust als Kompensation, die zunehmend in Gewalt ausartet, und steht damit im Kontrast zu ihrem stets etwas zu besonnenen, gar indifferent erscheinenden Mann (Willem Dafoe), der sie zu therapieren und zudem ihre impulsiven, ekstatischen Anfälle von zum Teil pervertierter Geilheit in Zaun zu halten und zu zügeln versucht. Kurz: Sie ist die unzivilisierte Roheit, ein Mensch auf Impulse reduziert, oder, wenn man so will, das schwache Geschlecht. Auf nicht gerade subtile Weise werden Ihre von Grund auf bösen Züge suggeriert, durch mehrere Motive der mittelalterlichen Hexenverfolgung und durch alte Fotografien, die Ihm nahelegen, Sie habe ihrem verstorbenen Sohn bereits zu Lebzeiten absichtlich Leid zugefügt.
Dieser Eindruck der femininen Boshaftigkeit verfestigt sich noch, wenn durch Sie der Prozess der Heilung und Reinigung, der Katharsis, ins Gegenteil verkehrt wird, als sie plötzlich behauptet, geheilt zu sein. Bei der Darstellung der sich im Folgenden abspielenden „Tour deForce“ referriert Lars von Trier in äußerster visueller Deutlichkeit auf die ausschlaggebende, essentielle Rolle der primären Geschlechtsteile: Nachdem Sie Ihm einen Mühlstein angelegt hat, um ihn ein für allemal an sich zu binden, wird sein Glied durch Ihr brutales Einwirken, getrieben von Wahnsinn und Geilheit, mit einem Holzscheid zerstört, sie selbst trennt sich am Ende im Angesicht des verursachten, irreparablen Schadens in Nahaufnahme die Klitoris ab: Ein Zeichen von Selbsterkenntnis? Soll damit der vermeintlich der Weiblichkeit eigenen, sexuellen Triebhaftigkeit, die so viel Tod und Zerstörung mit sich bringt, ja sie sogar von der Rettung ihres Sohnes abhielt, ein Ende gesetzt werden?
Eine eindeutige Antwort auf diese Frage zu finden, gestaltet sich als überaus diffizil. Die finale Einstellung jedoch, nachdem Willem Dafoe in einem Akt der Hexenverbrennung, was soeben bereits angeführtes Element unterstreicht, sich Ihrer entledigt hat, und von unzähligen, gesichts -und identitätslosen Frauen umgeben wird, suggeriert jedoch eine intendierte Allgemeingültigkeit des zuvor Dargestellten: Die der Weiblichkeit zugeschriebene Boshaftigkeit umgibt die Welt des Mannes, ihre wahre Identität findet und entblösst sich jedoch in und mit Hilfe der Natur. Die rohe, unverfälschte Unerbittlichkeit der Natur, welche in „Antichrist“ die Weiblichkeit versinnbildlicht, wird zum Einen durch Ihre Verbundenheit mit der Natur in Form der „drei Bettler“ (Rabe, Reh und Fuchs) dargestellt, zum Anderen aber auch durch Ihre Angst vor ihrer eigenen Identität: Sie fürchtet den Wald, fürchtet was sich dort verbirgt und was durch das Eindringen des Mannes ans Tageslicht befördert werden könnte -und wird: Sie selbst.
Ob man diese Interpretationslinie, welche man durchaus bis ins Unendliche fortführen könnte, nun zustimmt oder nicht, gerade weil auch Er nicht als gottgleiche Lichtgestalt gezeichnet wird (was jedoch zur vermeintlichen Darstellung der Frau als Antichristen wie die Faust aufs Auge gepasst hätte), auch ohne misogyne Züge ist „Antichrist“ ein überaus unausgegorenes Machwerk: Ein Flickenteppich aus Unheil verheißender, flacher Symbolik, inklusive sprechendem Fuchs („Chaos reigns“) und prätentiösen Sex-Szenen, die aufgrund ihrer Explizität ein Body-Doubling der beiden Darsteller durch Profi-Porno-DarstellerInnen erforderlich machten.
Lars von Trier gelingt es zweifelsohne, eine unheilvolle, fast bis zur Unerträglichkeit unangenehme Atmosphäre heraufzubeschwören, verliert sich jedoch in einer seltsamen Mischung aus Depression und Narzissmus. Unbestreitbar ist dem kontroversen Regisseur jedoch die Fähigkeit zuzuschreiben, seine Darsteller zu geradezu grenzüberschreitenden, fast schon exhibitionistischen Seelen-Stripteases anzutreiben, die ihres Gleichen suchen dürften und so manchen Kritiker wohlwollend hinsichtlich des Gesamtwerkes „Antichrist“ stimmen dürften. Und dennoch, was bleibt, ist ein Gefühl des Zwiespalts und zum Teil auch der eingangs erwähnten Gleichgültigkeit, einhergehend mit dem sich allmählich einschleichenden Eindruck, mit „Antichrist“ und der anschließenden Beschäftigung mit selbigem, unter dem Deckmantel der Kunst wertvoller Zeit beraubt worden zu sein.

Wertung: Zwiespältige 5.0/10.

Dieser Beitrag wurde unter 5.0 / 10, Drama, Filmkritik, Horror veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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