Orphan (2009)

Nanu, was haben wir denn hier? Eine Neuauflage der piefigen Mottenkisten-Horrorstory, die anno dazumal vielleicht innovativ schien, über einen fiesen Satansbraten mit Zöpfchen und Schleifchen, der seine Adoptivfamilie terrorisiert, und sie funktioniert auch noch im Jahre 2009? Es gibt eben doch noch Zeichen und Wunder, denn „Orphan“ ist sauspannend, nicht ohne Grips, zumindest in Anbetracht der für gewöhnlich etwas holprigen Story-Prämisse, sowie, Obacht, herrlich fies und zudem moralisch mehr als fragwürdig. Der titelgebende Antagonist ist ein 9-jähriges Adoptivkind namens Esther aus Osteuropa, deren dubiose Herkunft zunächst nicht geklärt ist, dessen Bösartigkeit sich zunächst insofern anzudeuten scheint, als es um den Geschlechtsakt der Erwachsenen weiß und diesen nonchalant mit dem gar nicht süßen „F-Wort“ betitelt, dem Adoptivbruder droht, sein bestes Stück abzutrennen, „bevor er weiß, wozu es gut ist“ und nachdem bereits der Mord an einer Nonne ihren Weg säumte, zu guter Letzt versucht, den Adoptivvater zu verführen. Das wird weder Waisenhäusern, noch Adoptionsagenturen gefallen haben. Die Macher von „Orphan“ scherten sich offenbar nicht drum und setzten die zu Recht allseits für ihre grandiose Darstellung gelobte Isabelle Fuhrmann als Esther teuflisch gut in Szene, während konsequent und äußerst effektreich an der Spannungsschraube gedreht wird. Neben Fuhrmanns außerordentlicher schauspielerischer Leistung fallen zudem besonders die weiteren Knirpse des Films positiv auf, und es stellt sich die Frage, was die Macher den jungen DarstellerInnen erzählt haben, worum es sich in „Orphan“ handelt, um sie zu derart überzeugenden Performances anzutreiben. Dem damals 7-jährigen Danny Lloyd wurde 1980 beim Dreh von Stanley Kubricks „The Shining“ erzählt, er spiele in einem Drama und das tatsächliche Endresultat bekam er angeblich erst zu sehen, als er das Alter von 16 Jahren erreicht hatte. Welchen Bären hat „Orphan“-Regisseur Jaume Collet-Serra wohl der zur Drehzeit erst 8-jährigen Aryana Engineer, welche überzeugend die taubstumme Max gibt, aufgebunden? Und wurde die dann erst 12-jährige Fuhrmann nicht nachts nach Drehschluss von Albträumen heimgesucht, wenn sie sich zunächst aufgetakelt an Peter Skarsgaard ranschmeissen musste um ihn anschließend durch mehrere Messerstiche regelrecht zu meucheln?
Wie dem auch sei, hier hat jeder der Beteiligten seine Hausaufgaben gemacht, und das merkt man dem trickreichen, perfiden Reißer auch an. Zwar kommt „Orphan“ keineswegs ohne eine ordentliche Handvoll Klischees aus, immerhin ist die ganze Story nüchtern betrachtet eigentlich ein einziger Witz, schafft es aber dennoch zu überraschen und als „Die Hand an der Wiege“ meets „Carrie“ und „Das Omen“-Symbiose zu überzeugen, denn man nimmt Collet-Serra seine aberwitzige, zuweilen fast schon parodistisch-überspitzt anmutende Story über weite Strecken der zweistündigen Lauflänge tatsächlich ab und hat obendrein buchstäblich einen Mordsspaß dabei. Dies ist neben bereits erwähnten JungdarstellerInnen vor allem der famosen Vera Farmiga zu verdanken, die sich im Kampf gegen das manipulative Gegeneinander-Ausspielen der kurzbeinigen, Intrigen-spinnenden Zwergin einen Kraftakt nach dem Anderen aus dem Kreuz leiert, um ihre Familie zu schützen, während sie immer mehr Menschen für verrückt erklären.
Der letzte Haken, den dieser bis dorthin ordentlich inszenierte Schocker schlägt, der uns den Grund für das rätselhaft-gestörte Verhalten des (vermeintlichen) Kindes nahelegen will, ist zwar völliger Mumpitz, als grotesker Gipfel des formidabel erzählten, bizarr-morbiden Entertaintments jedoch durchaus akzeptabel, mutierte „Orphan“ nicht unmittelbar im Anschluss daran zu einem formelhaften, stupiden 08/15-Thriller mit einem jener nervtötenden Showdowns, in denen der eigentlich schon längst abgemurkste Bösewicht noch ein hundertstes Mal mit einem irren Urschrei wieder aufersteht, damit er auf eine noch blutigere, noch brutalere und noch endgültigere Art und Weise den Garaus gemacht bekommen kann. Warum sich Regisseur Collet-Serra solch plumper Mittel bedient, die schon vor zwanzig Jahren die Klimax von Werken wie zum Beispiel Scorsese’s „Kap der Angst“ nach vielversprechenden anderthalb Stunden abrupt in die Grütze ritten, weiß wohl nur der Beelzebub. Wahrscheinlich war es er, der ihm riet, das ein solch leidlich spannendes, auf 20 Minuten ausgewalztes, vorhersehbares und schlicht dummes Finale mehr Dollar in die Kasse spült und den Rachedurst des Publikums stillt, welches Esther in der Hölle schmorend wissen möchte. Ärgerlich, ja bedauerlich, denn das um Welten bessere Alternativende setzt dem absurden Spektakel die perfide Krone auf und hätte „Orphan“ zu einer runden, wesentlich effektiveren und im besten Sinne schauderlichen Sache gemacht.
Nichtsdestotrotz gibt es viele Gründe, „Orphan“ als Fan des Horror -und Thrillergenres zu mögen: Seine angsteinflössende Exposition, die durchweg überzeugenden DarstellerInnen, die fiesen, schön grenzwertigen Ideen und Dialoge des garstigen Skripts, einige nette Seitenhiebe auf das vermeintliche Idyll der All-American-Suburbian-Family, das lustvolle Ad-absurdum-Führen der in den USA weit über europäische Verhältnisse hinaus populäre Psychotherapie und ein kompetent gespannter Spannungsbogen mit pointiert gesetzten, teils sogar ein wenig selbstironischen Schocks. Als Entschädigung für all diejenigen, die das weitgehend misslungene, wenn auch hübsch gefilmte Finale der Kinofassung durchstehen, gibt es einen grandios-sytlishen Abspann zu bestaunen, vorausgesetzt man kann sich daran derart erfreuen wie der Verfasser dieser Kritik. „Orphan“ ist ein sehenswertes Genre-Schmankerl für alle, die es derb mögen. Mit dem alternativen Ende hätte ich mit Freuden 8.0/10 vergeben, alleine schon, um die zahlreichen Moralaposteln, die diesen Film mit Schmach belegten, zu belächeln. Da dieser Rezension jedoch die Originalfassung zugrunde liegt, gibt es leider Punktabzug:

Wertung: 7.0/10.

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