Die Frau die singt – Incendies (2010)

Wie schnell übersieht man diese Perle beim Anblick des schmonzettierenden deutschen Verleihtitels. Was man aber dann bei einer sich überwindenden Sichtung 131 packende Minuten geboten bekommt, hat allergrößtes Potential, sowohl inhalts- als auch formal/erzähltechnisch. »Incendies« lebt von der ersten Sekunde an, zertrieft überhaupt nicht, sondern markiert erstmal sein Revier durch ein der Spannungskurve äußerst zuträgliches Opening: Eine tote Mutter, ein Vermächtnis und viele Geheimnisse, die es aufzudecken gilt.
Vor den Kopf gestoßen begibt sich das verwirrte Geschwisterpaar – vor allem aber die der Mutter zum Verwechseln ähnelnde Tochter [oder?] – auf eine Reise, die der Wahrheit verschrieben ist. Auch wenn  sich dieser Trip ins sich offenbarende Ungewisse natürlich konstruiert gibt, verblüfft er immer wieder durch oben angesprochene, erzähltheoretische Momente, die fließend ineinander übergehen, irgendwie verwirrend erscheinen, den Zuschauer aber nie auf der Strecke zurück lassen, sondern immerzu behutsam symbolträchtig Verweise verstreut auf dem Wege liegen lassen, um diesem so niemals einem Unterhaltungsleerlauf auszusetzen. Natürlich sind die inszenierten Flashbackverflechtungen kein Novum im heutigen Kinostandard, sie erzeugen jedoch ungemeine Atmosphäre, indem das Puzzle sich irgendwie dann doch linear zusammenknipst. Das ist eine wahrhaftig zu würdigende Kunst, kulminiert sich die exzellente Story dann auch noch hin zu einem Twist, den sich ein M. Night Shyamalan wohl bei womöglich jedem seiner Filme seit »The Sixth Sense« herbeisehnt. [Dabei hatte ich diesbezüglich schon erhöhte Erwartungen wegen Jubelei der eigenen Freundin!] Dennoch kann, muss und sollte auch das der geneigte Zuschauer selbst entscheiden. Dann aber wieder, bei aller Liebe zur erwählten Entscheidungsfreiheit, müsste dagegen nahezu jeder zweifellos eingestehen, dass jenes sich aus der Storywendung entpuppende Gleichnis über die allgegenwärtigen Topoi ‚Schande, Ehre und Gerechtigkeit‘ seinesgleichen sucht. An dieser Stelle ist es kaum möglich näher auf den Inhalt einzugehen ohne vermiesend zu spoilern, daher nur noch so viel: Die vermittelte Tragik eben jener Frau, die singt, bleibt im Halse stecken, schockiert ohne offensichtlich zu schocken und versteht es dennoch in außerordentlichem Maße zu erregen, (mit) zu fühlen und zugleich zu erschrecken. Auffällig erscheinen die Gegensätze, die Liebe und der unerwünschte Hass, der Ekel und die Zuneigung; das komplex Konstruierte ergibt schließlich doch eine schlichtweg grandios erzählte, auch ganz einfach wiederzugebende Geschichte einer … Familie.
Wie anfangs erwähnt, zertrieft »Die Frau die singt« erfrischenderweise eben nicht im Kriegsfilm-Tränen-Dilemma, sondern weiß ganz nüchtern durch handfesten, harten Inhalt zu überzeugen. Ein Highlight, dessen Eindringlichkeit jedem ans Herz gelegt sei, der sich mal wieder nach einem hollywoodfernen, und doch exzellent produzierten Film mit Anspruch sehnt. – Die Fähigkeit zur auseinandersetzenden Perspektivübernahme vorausgesetzt.

Wertung: 9.5 / 10

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