Calvaire – Tortur des Wahnsinns (2004)

Auf der endlosen Suche nach einem guten Horrorfilm, den ich noch NICHT gesehen habe, stieß ich auf diese belgische Low-Budget Produktion. Die unnötig in die Länge gezogene, recht langweilige Exposition ist wohl darauf zurückzuführen, dass Regisseur Fabrice Du Welz sein Langfilm-Debüt auf eine abendfüllende Spieldauer auswalzen wollte, eine Verlängeung des letzten Drittels des Films hätte wohl auch zu einer Abstumpfung des Publikums geführt. Hinsichtlich des Settings ist „Calvaire“ jedenfalls ein wahres Schmankerl für jeden Horrorfan der alten Schule: Krisseliges Bild, natürliches Licht, fast keine Musik, perfektes Backwood-Horror-Flair mit vielen befremdlich-bekloppten Hinterwäldlern und einer ordentlichen Portion schwarzem Humor. Da werden wohlig-schaurige Erinnerungen an das „Texas Chain Saw Massacre“-Original (1974) und Wes Craven’s, seien wir mal ehrlich, qualitativ minderwertigen, aber dennoch überaus einflussreichen „The Last House on the Left“ (1972) wach. Ganz in der Tradition des billigen Exploitation-Torture-der-hintersten-Staubecke-der-Videothek-Horrors der guten alten 70er Jahre bleibt dann neben dem sadistisch angehauchten Lachen auch ein bisschen schonmal Gegessenes im Halse des Zuschauers stecken. Besonders das letzte Drittel von „Calvaire“ dehnt die flexiblen Grenzen des guten Geschmacks des Horrorfans reichlich, eingeleitet durch die gleichzeitig brüllend komisch-selbstironische und verstörend-befremdliche Szene der sich irre zur Musik eines verstimmten Klaviers bewegenden Waldschrate in der ominösen Dorfkneipe, in welcher wohl kein sich als einigermaßen zivilisiert bezeichneneder Mensch mit nur halb gesundem Menschenverstand das Klo benutzen würde.
Natürlich ist von vornherein vorhersehbar, dass das abgelegene Setting von „Calvaire“ nichts Gutes für unseren Protagonisten, dem reichlich talentlosen Altenheim-Weihnachtsfeier-Star Marc Stevens, verheißt. Die typischen Hinterwäldler des Terrorkinos haben eben schon länger keine Frau oder generell Menschen von außerhalb ihres mittelalterlich anmutenden Mikrokosmos mehr gesehen und geben sich mit dem zufrieden was sie haben: Schweine, Kühe und die bereits ganz zu Anfang in die Handlung eingeführte „Hündin“ Bella. Ganz pragmatisch, die Jungs. Erfreulich ist in diesem Kontext auch das Wiedersehen mit der französischen Genreikone Philippe Nahon, unter Anderem bekannt aus Gaspar Noes „Menschenfeind“ (1998) und Alexandre Ajas „Haute Tension“ (2003), der mit seiner echt hässlichen, angsteinflössenden Visage (Pardon, Monsieur Nahon) in dieses Genre passt wie der Huf auf den Pferdefuß.
„Calvaire“ ist vollgestopft mit amüsanten Genre-Referenzen und suhlt sich geradezu im Ekel-mit-bisschen-Kotze-Flair der sich der Sodomie verschriebenen, geisteskranken Landeier. Dabei nimmt sich der solide gespielte Schocker zu keiner Zeit ernst (man achte dabei besonders auf die herrlich unecht aussehenden Stofftiere, bei denen Regisseur Du Welz bestimmt erst an einer Schnur ziehen musste, bis sie Geräusche von sich gaben), und dieses selbstironische Moment rettet den mit wenigen Mitteln produzierten Geheimtipp dann auch vor der Überflüssigkeit. Wer einen starken Magen hat und in den Genuss eines fernab des Mainstreams etwas anderen, altmodischen Backwood-Terror-Flicks kommen möchte, hat bei „Calvaire“ nicht nur einiges zu lachen, sondern wird auch mit den fast vollständig fehlenden Spannungsbogen wett machender, grenzwertiger und schön irrsinniger, verstörend inszenierter Brutalität belohnt, die angewidertes Kopfschütteln provoziert. Aber diese Reaktion ist in diesem Genre ja nicht unbedingt unerwünscht.

Wertung: 6.0/10.

Dieser Beitrag wurde unter 6.0 / 10, 6.5 / 10, Filmreview, Horror, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Calvaire – Tortur des Wahnsinns (2004)

  1. Also wirklich! Ihr behauptet also das mein absoluter All-Time-Favourit knapp an der Belanglosigkeit vorbeischrammen würde? CALVAIRE ist doch eine schöne Meditation über das Thema
    „Der Mensch (bzw. der Mann) und die Einsamkeit – und was diese aus einem machen kann“
    Hier wird doch ein liebevoller Blick auf eine alternative männliche Wohngemeinschaft geworfen und sogar mit der Möglichkeit einer Utopie gespielt, in der Frauen nicht mehr benötigt werden weil der beste Kumpel auf emotionaler Ebene schon immer der verständnisvollere Lebens- und Beziehungspartner war, und es somit (kraft seines großen Herzens) vollbracht hat, sämtliche Ex-Freundinnen aus der Welt zu drängen.
    Ob Mann oder Frau. Ob Kalb oder Hund;
    „Am wichtigsten ist immer noch der Enthusiasmus!“ wie es der (von Jackie Berroyer grandios verkörperte) Bartel, in einer der wohl schönsten Stellen des Films, so treffend formuliert.
    Der Mann hat wirklich Ahnung! Außerdem hat er den wohl witzigsten und einzigsten Zwergenwitz der Filmgeschichte in seinem Reportoire und schafft es sogar die Kleinwüchsigen bei seinen einsamen Waldspaziergängen herbeizufantasieren. Das örtliche Tanzlokal, dessen Mitglieder die flotteste Sohle seit „Dirty Dancing“ auf´s Parkett legen, rechtfertigt alleine schon das wiederholte (in meinem Fall circa Zwölfte) Sichten dieses Meisterwerks.
    Und ich kann euch wirklich sagen: Man(n) entdeckt ständig etwas neues!
    …und zu diesem Zeitpunkt hatte ich Fabrice Du Welz brillianten Nachfolger VINYAN noch nicht einmal gekannt. Schande über eure schlampige Recherche. ;)
    http://multi-film.blogspot.com/2011/03/calvaire.html

  2. Max schreibt:

    Danke für Deine absolut lesenwerten Kommentare. Ich fasse daher Deine Bemerkung der „schlampigen Recherche“ auch durch das Bemühen eines Zwinker-Smileys als scherzhaft auf, denn meine Kritik an „Calvaire“ beschäftigt sich nicht mit Fakten, die hätten recherchiert werden müssen, sondern stellt eine, wie ich finde, fundierte Meinungsäußerung dar.

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