We Need to Talk About Kevin (2011)

Oberflächlich betrachtet ist die Roman-Adaption „We Need to Talk About Kevin“ von der ersten Sekunde an tadellos inszeniertes Kino. Bereits im Rahmen der reichlich verwirrenden Eröffnungssequenz meint es Regisseurin Lynne Ramsey beinahe etwas zu gut mit optischer Symbolik, und präsentiert uns direkt in der Exposition den buchstäblich vielleicht rotesten Faden seit Donald Sutherland in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) dem vermeintlichen Zwerg mit dem roten Mantel durch die verworrenen Gassen Venedigs folgte. Auch die Metaphern des Auges und der Zielscheibe, die in einer Szene sogar zu einer bedeutungsschwangeren Symbiose verschmelzen, sind geradezu allgegenwärtig in der betont unchronologischen, montage-artig eher gezeigten als erzählten und mit dem grandiosen, wenn auch ab und an ebenfalls etwas zu aufdringlich untergemischten Score des Radiohead-Musikers Jonny Greenwood vertonten Sinfonie eines schrecklichen Verbrechens, für welches schon oft allzu leichtfertig Sündenböcke gesucht und schnell gefunden wurden und das trotzdem nie verstanden werden konnte, und wohl auch nie vollständig verstanden werden kann.
„We Need to Talk About Kevin“ suggeriert ein von Anfang an gefährlich deviantes Missverhältnis von Mutter (phänomenal: Tilda Swinton) und soziopathischem Sohn (beeindruckend: Ezra Miller) als mögliches Szenario, welches dem Amoklauf eines Jugendlichen an einer amerikanischen Highschool zu Grunde liegen könnte, konzentriert sich aber vornehmlich auf die Auswirkungen dieser Tat auf das Leben der von Swinton mit Herzblut verkörperten Mutter, welche mit dem über ihrem alkoholgetränkten Alltag lastenden Fluch kämpfen muss, die Mutter eines Massenmörders zu sein, ohne die Tat ihres Sohnes und ihre eigene Schuld daran auch nur annähernd fassen und begreifen zu können. In zahlreichen Rückblenden formt Regisseurin Ramsey ein wages Bild eines Verhältnisses ohne Emotionen und bemüht dabei mit dem dieser Charakterkonstellation zu Grunde liegenden, romantischen Konzept des „Evil Child“, des von Natur aus dämonischen und bösartigen Kindes, welches erst durch den Einfluss der Eltern und der Umgebung zu einem sozialen und gesellschaftlich lebensfähigen Wesen werden kann, einen altbekannten Archetypus des Horrorfilms: „Der Exorzist“, „Das Omen“, „Identität“ und jüngst „Orphan“ zum Beispiel, sind jedoch tendenziell eher dem der Unterhaltung des Zuschauers verschriebenen klassischem Horror zuzuschreiben (ohne jedoch den zumindest in einigen der Werke zweifelsohne vorhandenen allegorischen Subtext abwerten zu wollen). „Kevin“ jedoch tangiert ein hochbrisantes Thema und einen nicht minder brisanten Zugang zu selbigem, ohne jenen als non-plus-ultra-Lösung zu deklarieren. Dankenswerterweise sieht der irgendwo zwischen Horrorfilm und Drama anzusiedelnde Independent-Film von den gängigen Klischeelösungen ab, die in der Vergangenheit gegen Ego-Shooter-Spiele und Marilyn Manson als alleinige Sündenböcke den ersten Stein warfen, oder wie Gus van Sants vielgelobtes Kunststück „Elephant“ Homosexualität als Hinweis für geistige Derangiertheit anführten. Ob „Kevins“ Szenrio glaubhaft ist, ist für den Laien schwer nachvollziehbar und wird wohl seit der Absägung der pseudo-pädagogischen „Super Nanny“ des allgemein an der deutschen Bildung interessierten Qualitätsenders RTL für immer auf die stille Treppe geschickt. Von der Hand zu weisen ist ein gewisser Einfluss eines krankhaften Verhältnisses innerhalb der Familie des Täters auf die Entwicklung einer kranken Idee jedoch sicherlich nicht. Und „We Need to Talk About Kevin“ ist ein beeindruckendes, hervorragend gespieltes und nahezu soghaft inszeniertes Zeugnis einer Möglichkeit, das sowohl als Drama als auch als eine anspruchsvolle, bedrückende und nachhaltig Sodbrennen verursachende Horror-Variante funktioniert.

Wertung: 7.5/10.

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