50/50 (2011)

Das nun zur Neige gehende Kinojahr 2011 hatte einige qualitativ hochwertige, im Herzen gute und vor allem wirklich witzige, zum großen Teil niveauvolle Komödien zu bieten, „Bridesmaids“ und „Crazy, Stupid, Love“ sind da nur zwei überaus sehenswerte Beispiele. „50/50“ schlägt verglichen mit diesen zwei Comedy-Hits eine deutlich ernstere Gangart ein: Die Story um einen 27-jährigen, durch und durch sympathischen Normalo, der plötzlich an einer raren Krebsart erkrankt, ist nicht wirklich eine viel Raum für Witz bietende Prämisse per se. Typischer Tragikomödien-Stoff möchte man meinen, der vor rund 15 Jahren mit Robin Williams in der Hauptrolle noch ordentlich in die Pathos-getränkte, moralinsaure Kitschgrütze hätte geritten werden können. Regisseur Jonathan Levine, der vorher mit dem aberwitzig-stylishen Horror-Flic „All the Boys Love Mandy Lane“ von sich reden machte, beweist jedoch ein beeindruckend sicheres Händchen für eine Gratwanderung zwischen Komik und Tragik, an der vor ihm schon viele kläglich scheiterten. „50/50“ ist betont natürlich und so komisch und deprimierend wie das Leben selbst und dessen seltsame Überraschungen, die es für uns bereithält. Das ist vor allem auch dem durchweg überzeugenden Cast zu verdanken: Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt, seinerseits einer der derzeit wohl interessantesten Senkrechtstarter Hollywoods um die 30 bringt das Dilemma seiner facettenreich geschriebenen Figur herrlich unspektakulär, unpathetisch und sympathisch rüber und erzeugt damit erst recht Empathie beim Zuschauer. Seth Rogen gibt erneut routiniert den dauerbekifften, chaotischen, aber dennoch überaus liebenswerten Bester-Kumpel-Typen mit Teddybär-Charme und riesig großem Herz und hat damit natürlich die meisten herzhaften Lacher des Films auf seiner Seite. Anjelica Huston überzeugt als besorgte Mutter mit besonders stark ausgeprägtem Beschützer-Instinkt, Bryce Dallas Howard ist als nervige Esoterik-Tante mit Vorliebe für hässliche Hunde herrlich schrullig-unsympathisch. Das Sahnehäubchen dieses fantastisch harmonierenden Cast ist schließlich zweifelsohne Anna Kendrick: In sie als blutige Anfängerin in ihrem Fach der Psychotherapie, die sich charmant-unbeholfen in der Krisenbewältigung unseres Protagonisten versucht, könnte man sich glatt vom Fleck weg verlieben. Dass genau dies auch dem Helden des Films widerfährt, ist zwar vorhersehbar, aber deswegen nicht weniger glaubhaft und zudem mehr als verständlich.
Der auf einer wahren Begebenheit basierende Plot von „50/50“ gibt uns zu denken. Während wir den Protagonisten mitfiebernd auf seinem ungewissen Weg begleiten, uns dabei jedoch nie zu arg auf die Tränendrüse gedrückt wird, bleibt Raum für die Frage, ob wir unser Leben, mit seinen Schönheiten und Unzulänglichkeiten eigentlich zu schätzen wissen. Die moralische Komponente, die diese im Film ebenfalls eher implizit aufgeworfene Frage theoretisch birgt, wird jedoch nicht überstrapaziert, denn der von Gordon-Levitt verkörperte Sympathieträger Adam hat sich in seinem Leben nie etwas zu Schulden kommen lassen und sehnt sich eigentlich nur nach etwas Normalität. Adam raucht nicht, trinkt nicht, ist seiner Freundin treu und ist zurückhaltend und ehrlich. Ein Stoff, wie ihn „50/50“ behandelt, würde gerade in Hollywood dazu einladen, einen Protagonisten zu präsentieren, der sich in seinem Leben so verhalten hat, dass ihm einer einfachen Rechnung zufolge eine längst überfällige Läuterung gebühren würde. Ein Verbrecher vielleicht, oder ein Vergewaltiger oder auch einfach nur ein verdammt fieser Typ, der durch die unerwartete Diagnose einer möglicherweise tödlichen Krankheit auf den rechten Weg zurückgeführt wird. Die Moral der G’schicht: Verhalte dich gut und sei immer nett zu deinen Mitmenschen, dann bleibst du auch gesund bis ins hohe Alter und schläfst irgendwann selig ein. Wie oft haben wir diesen Quark schon so oder so ähnlich mit Zuckerguss garniert aufgetischt bekommen, zum Glück ist „50/50“ anders: Es kann jeden treffen, könnte uns der Film sagen wollen, aber ebenso kann jedem von uns etwas Wundervolles widerfahren. Etwas Wundervolles wie eine Frau wie Anna Kendrick kennenzulernen zum Beispiel.
„50/50“ ist typisches Independent-Kino, dessen Titel gleich mehrere Implikationen birgt: Protagonist Adam sieht sich mit einer 50/50-Überlebenschance konfrontiert, genauso gut könnte man einem Plot wie diesem eine 50/50-Chance prognostizieren, tierisch in die Hose zu gehen. Regisseur Levine beweist jedoch ein sicheres Händchen für einen schwierigen Stoff mit dem Ergebnis eines vollends zufriedenstellenden Komödien-Kunststückes voller Situationskomik, Pointen-reichen Dialogen und der richtigen Dosis dramatischen Realismus. Bravo!

Wertung: 8.0/10

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Eine Antwort zu 50/50 (2011)

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