Midnight in Paris (2011)

Woody Allen verzaubert Paris und bedeckt es mit nostalgischem Schleier längst vergangener Tage – wie bei so vielen seiner Filme dient eine über allem schwebende Thematik als durchzogener roter Faden – hier: Das romantische Gedankenspiel des Goldenen Zeitalters.
Wie eigentlich nicht anders zu erwarten war, verfällt dieser Stoff nicht einer allzu plumpen »Früher-war-ja-alles-besser/schlechter«-Manier, sondern orientiert sich an einem augenscheinlichen Träumer, dessen Schriftstellercharakteristikum höchste Ideale einfordert. Gemeint ist der stets etwas abwesend wirkende Gil, dem Owen Wilson hingebungsvoll das Leben spendiert. Dieser findet sich gefangen in der begrenzenden, diesseitigen Gegenwart, umgeben von seiner eng gefassten, oberflächlich gezeichneten Fast-Frau Inez, verblondet gespielt von Rachel McAdams, und allerlei Pseudo-Verfechtern sämtlicher Konventionen, überwiegend im Akademikerkreis beheimatet. Gil und das Denken sind dabei ein subtiles Paar, dem man beim Schauspiel beiwohnen darf. Die Gedanken sind förmlich greifbar und äußern sich in pointierten Dialogen – bis es geschieht – die Handlung novellenartig kippt und Gil in ein Auto der 20er Jahre steigt, und damit die Möglichkeit zur Erkundung eines Paralleluniversum erhält.
Dieser Einschnitt mit einhergehender Rückwende gelingt tadellos und lässt keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Stoffes bzw. des Filmes überhaupt. Was in Fantasy-Kitsch hätte abdriften können, ermöglicht ein Gedankenspiel mit der Vergangenheit, die die Gegenwart kreuzt. Hauptaugenmerk bilden nach wie vor die Mono-/ und Dialoge, allen voran die des glänzend aufspielenden Corey Stoll in der Rolle des Ernest Hemingway, dessen Charakterzüge an Stärke und Direktheit seinesgleichen suchen und so bewusst eine tolle Akzentuierung gegenüber Wilson bieten.
Das wohl auffälligste Charakteristikum an »Midnight in Paris« dürfte neben den schillernden Figuren wohl der ausbleibende Höhepunkt in der Handlungsstruktur sein. Was anderswo zu einem Dahinplätschern mutiert, gerät bei Woody Allen zum Faszinosum. Dieser schafft es nämlich auf gleichbleibend hohem Niveau Anreize und Gedanken zu offenbaren, deren jeweils innewohnendes Gefühl beim Zuschauer nur durch eigenes Zutun bewältigt werden kann. Schließlich mit Einführung der betörenden Marion Cottilard zündet die Endlosschleife im Gewand einer augenscheinlich zwar völlig einsichtigen, einfachen Weisheit, die jedoch in zweiter Hinsicht schwieriges Potential entfaltet. Gemeint ist das unnachgiebige Gefühl Gils sein Zeitalter in den 20er Jahren zu sehen, wohingegen Adriana aus den 20er Jahren sich zum Ende des 19. Jahrhunderts wendet. Woraus entsteht dieser Reiz, der Hang zur Vergangenheit? Welche Beweggründe hat Gil wirklich in seiner Rückwendung? Liegt die Antwort in der einfachen These, dass Gil nicht mit der Realität in seiner Gegenwart klarkommt und sich deshalb feige zurückwendet? Widerfährt Adriana das gleiche Schicksal? Verfügt Gil schlicht über ein verfeinertes, historisches Bewusstsein, dass ihn dazu drängt die eigene Neugier über den wahren Verlauf der Dinge fernab der als wahr präsentierten Fakten zu befriedigen?
Woody Allen meistert diese Vielschichtigkeit im Fragenpotential, indem er den Zuschauer auf liebevolle Art einzulullen weiß. Gil erfährt durchaus sogenannte Ungerechtigkeit in der sogenannten Realität, findet aber für sich genügend Trost in seiner Ungewissheit dem Leben gegenüber, Dinge in einem Buch als zeitüberdauerndes Artefakt zu bannen. Es ist daher durchaus schwer in Worte zu fassen und hier eine festgeschriebene Moral von der Geschicht‘ zu präsentieren, es herunterzubrechen auf einige verkümmernde Worte. Ja, es ist fast so, als verblasse man selbst am Geiste der Vergangenheit und versuche diesen immer wieder erneut mit Worten zu kolorieren, sodass dieser nie vergeht.

Wertung: 9.0 / 10

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