Blue Valentine (2010)

Hohe Erwartungen ließen »Blue Valentine« auflodern, versprach dieser doch ein reflexives Glanzstück zu werden, das zudem mit Ryan Gosling einen der talentiertesten Schauspieler des »Jetzt« sein Eigen nennen durfte. Außerdem an seiner Seite, die süß-quallige Michelle Williams in einer sympathisch intendierten, jedoch Antipathie erregenden Rolle. Der Grund des Missfallens? Die (Anti-)Handlungen.
Wie dieser Anfang bereits düster vermuten lässt, scheitert die dramatische Illustration einer festgefahrenen Ehe am eigens entfachten Anspruch die ungeschönte Wahrheit zu zeigen. In oberflächlicher Betrachtung werden Sequenzen eines Ehealltags mal hier, mal da eingestreut, der biederer nicht sein kann. Der Zuschauer wohnt dem Elend bei und weiß natürlich ganz genau, was da los ist: Verfrühte Geburt eines *********** Kindes, Überforderung seitens der Eltern, fehlende Unterstützung der nur einseitig vorhandenen und sich kümmernden Großeltern, ein Taugenichts von einem Vater, ein gefallener Engel von Mutter, die es hätte ja so viel besser haben können. (wenn sie denn den Bauerntrottel genommen hätte, der sie im Film flashbackartig zu allem Überfluss auch noch von hinten nimmt) Lässt es sich so einfach darstellen? Die rhetorische Frage sei mir verziehen, denn »Blue Valentine« will das Gezeigte wertneutral abfilmen, verfängt sich aber in den Klauen des stets mitschwingenden Subtextes.
Die Darstellung und der Zauber einer ach so perfekten Liebe fußt eben nicht auf dem polarisierten Ersten Blick > einer schmeichelnden, augenzwinkernden, weder zu aktiven, noch zu passiven Anmache > einer heißen Rummache, die sich über die Dauer des Films mehrere Male reproduziert. Das Scheitern einer solchen Liebe fußt dagegen vielmehr genau auf diesen Aspekten des Propagierens einer Verliebtheitsphase, die – wie sollte es auch anders sein – einer Alltagsphase vorausgeht. Dieses Denkmuster zerstört die kleine Indy-Perle »Blue Valentine« und noch mehr: es lässt sie zu einer fiesen Mainstream-Propaganda-Politur verkümmern, die auch nur im rechten Licht schön zu glänzen vermag. Im Schatten, in besagtem Subtext wiederum, tritt die Billigmasche in der Vordergrund, dessen Gefäß auf den Mist des Drehbuchs gewachsen ist.
Wenn man einen Film über die Liebe und nichts als die Liebe dreht, dann sollte man doch davon ausgehen können ein Paar darzustellen, das sich kennen und lieben gelernt hat. Dean und Cindy kennen sich nicht, und, so hat es den Anschein, wollen sich auch gar nicht mit ihrer Beziehung auseinandersetzen. Getreu dem verträumten, feigen Motto »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold« schwelgt vor allem die wehleidige Cindy in Erinnerungen an bessere Zeiten, da, wo noch alles in Ordnung war. »Die Liebe scheint einfach so abhanden gekommen zu sein – dabei war doch alles so perfekt mit dem hübschen Dean. Aber – meine Eltern haben es ja gesagt, mein Leben hätte ganz anders verlaufen können… blablabla…« – Man verzeihe mir auch die Polemik der Darstellung, doch das fördert bzw. ist besagte Antipathie! Ihre verabscheuenden Blicke, ihre herablassende Art gegenüber Dean bzgl. wiederum dessen Verhaltens gegenüber ihrem gemeinsamen Kind lassen einen imaginierten Zuschauer ihr förmlichst entgegenbrüllen: »Sag es ihm doch direkt, ohne Umschweife, macht doch was aus euch und eurer gemeinsamen Zeit, der selbstauferlegten Illusion des Alltag zum Trotz! Verfallt aber gleichzeitig nicht in blanken Aktionismus und versucht das Ruder durch Liebesspielchen im Sci-Fi-Gewand ‚rumzureißen – REDET doch einfach kontinuierlich miteinander! Arbeitet eure Erfahrungen auf und vertraut dem anderen, indem ihr gemeinsam reflektiert. Hadert eben nicht mit eurer widerwärtigen Selbstverwirklichungszentriertheit, denn so werdet ihr euch nur selbst belügen!« An dieser Stelle befindet sich übrigens der kopfschüttelnde Kern des Ganzen: Kernidentität, ein Modell der 70er Jahre, und immernoch manifest in vielen Köpfen, so auch in Cindys‘.
Demgegenüber steht dort nun Dean. Mit dem Schlummerblick aus der 5 Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Mit dem Schläferblick aus der Gegenwart. Augenscheinlich der wesentlich passivere Part der beiden, bleiben ihm zwar inkonsequente, aber dennoch zahlreiche Versuche endlich (wieder) zu Cindy durchzudringen. Er ist der eigentliche, dramatische Held von »Blue Valentine« und wird weit weniger glorifiziert als die nicht loslassenwollende, verschränkte Cindy.
Aber es ist ja Liebe – die perfekte! …
Deutlich wird hier vor allem eines: Der Plot kränkelt überall ein bisschen, kneift an den wesentlichen Stellen und macht die Situation weit weniger explizit als offensichtlich gewollt. Cindy ist eine Frau, wie sie das Leben schreibt – hier durchaus negativ zu werten – da sie es nicht fertig bringt (ebensowenig wie ihr gegenüber) dem Konflikt, der die beiden ihrer Meinung nach umgibt, ins Auge zu blicken. Die einander einenden, vergangenen Handlungen wirken ebenso kümmerlich im Spotlightdress wie die zertrennenden Handlungen in der Gegenwart. Gosling und Williams spielen bei aller Kritik alles andere als schlecht, sind jedoch farbloser Spielball eines misslungenen Drehbuchs.
Nichtsdestotrotz, bei allem Ärger bleibt auch viel hängen, was ausschließlich auf die tollen Performances von Ryan Gosling und Michelle Williams zurückzuführen ist. Die Kamera wirkt unterkühlt und fängt die zerberstende Stimmung eines scheiternden/aufstrebenden Paares auf elegante Weise ein. Die Charaktere hätten bei den ausgeführten Dialogen weitaus schablonenhafter geraten können, erreichen jedoch aufgrund der beiden Schauspieltalente mehr Tiefe, trotz ihrer Inkonsequenz.
Demnach lässt sich die ganze Melange eines dramatischen Films nicht wirklich fein gesäubert auflösen. Das Gefühlsbarometer pendelt sich eben in der ungeliebten Durchschnittsmitte ein. Natürlich weckt »Blue Valentine« Emotionen, kommt auch bestimmt beim Großteil des Singlepublikums gut an und erzielt höchstwahrscheinlich bei eben jenen Paaren Begeisterungsstürme, denen es nicht anders in ihrer festgefahrenen Beziehung geht. Regisseur Derek Cianfrance geht es um den berühmt berüchtigten Spiegel, den er all jenen vorhalten will, die im Alltag angekommen sind und die die anfängliche Liebe erster, jungfräulicher Tage schmerzlichst vermissen. Er will diesen eine Studie bieten, ein Extrembeispiel aufzeigen, dass es sich zu kämpfen lohnt, für die Liebe, aber immer auch für das Selbst, das man gefälligst selbst schon gefunden haben sollte. [Viel Spaß beim Suchen!] Cianfrance zieht nun wirklich alle Register, um die allgegenwärtige Trostlosigkeit ins Unermessliche zu steigern, sodass sich jeder Einzelne als Abziehbild angleichen kann, um sich mit dem Gezeigten auseinanderzusetzen. Wer das will, dem sei »Blue Valentine« wärmstens ans Herz gelegt.

Wertung: 6.0 / 10

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