Verblendung (2011)

Es scheint ganz so als hätte David Fincher, einer der Regie-Großmeister der Gegenwart ohne wirkliche Ausfälle, im Regie-Handbuch unter dem Kapitel „Wie man einen europäischen, an sich beinahe makellosen Thriller aufmotzt, damit ihn auch die Amis mögen“ nachgeschlagen, und darauf seine Strategie zur Neuverfilmung der schwedischen Roman-Adaption „Män som hatar kvinnor“ aus dem Jahre 2009 aufgebaut. Dabei unterläuft ihm aber ein Faux-pas nach dem anderen. Zum einen funktioniert Trick 17, das Publikum von vornherein mit einem lärmenden Vorspann einzulullen, der seinerseits eine technisch perfekte Mischung aus dem des Regisseur eigenen Repertoire (insbesondere „Fight Club“) und den einschlägig bekannten James Bond-Intros darstellt, nicht wirklich und liefert zeitgleich einen Vorgeschmack auf die dem Original zu keiner Zeit das Wasser reichende Atmosphäre gleich mit: Fincher setzt auf einen kontinuierlich im Hintergrund vermeintlich bedrohlich vor sich hin wabernden Bass und schnelle Schnitte sowie teils schwindelerregende, erneut technisch perfekte Kamerafahrten, alles inszenatorische Kniffe, die bereits beim gelungenen, aber auf der Fincher-Skala zumindest zu damaligen Maßstäben eher mittelmäßigen „Panic Room“ (2001) Einsatz fanden.
Zudem inszeniert Fincher die schwedische Landschaft als einzige große Schneeverwehung um die klirrende Kälte Nordeuropas auf die Leinwand zu projizieren und platziert gleich zu mehreren Gelegenheiten McDonald’s-Happy Meal-Verpackungen im Bild, wodurch die Vermutung aufkommen könnte, dass er damit dem amerikanischen Publikum die Identifizierung mit der unwegsamen Landschaft des entfernten Schweden sowie mit deren befremdlichen Menschen zu erleichtern versucht.
Einige Neuerungen und Hinzufügungen Finchers wirken zudem ungelenk, als hätte der Regisseur allzu oft den Fokus auf jene Aspekte der Story gelegt, welche die 2009er-Verfilmung zu Recht vernachlässigte oder lediglich umriss. Dumm nur, dass der Zuschauer bei der Neuverfilmung trotz angestrebter Klarheit des Öfteren Gefahr läuft, der komplexen Story nicht folgen zu können, da Fincher auch die persönliche Beziehung zwischen Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist in ein völlig profaneres Licht rückt, indem er ihr jegliche Dynamik nimmt und hier und da als Ausgleich ein paar Sex-Szenen ergänzt. Scheinbar fehlt dem Regisseur hier das sichere Händchen für eine schwierige Beziehung, und gleichzeitig der Einblick in eine zutiefst verletzte Seele. Sogar Salanders für die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Figur unabdingbar wichtige Vergangenheit wird in einer der Schlüsselszenen des Originals einfach weggelassen. Das Feuer, das auf mehreren Ebenen ihre Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft und zu ihrem ständigen, unliebsamen Begleiter geworden ist, wird in der US-Version ihrer Geschichte im Keim erstickt.
Dies ist nur ein Aspekt, der zur faden Eindimensionalität der eigentlich fast überzeichnet wirkenden Figur Lisbeth Salander in Finchers Werk beiträgt: Die zierliche Rooney Mara, welche dem Hype um „The Girl With the Dragon Tatoo“ gerecht mit dem Oscar für ihre Hagerkeit nominiert wurde, verkörpert Salander als blasse Emo-Motzkuh mit vergleichsweise wenig Charakter, die sich lieber an Daniel Craig schmiegt und es vorzieht zu reagieren als wirklich selbst zu agieren. So tritt sie auch nicht aus freien Stücken und ein großes persönliches Risiko in Kauf nehmend mit Blomkvist in Kontakt, sondern wird offiziell als seine Assistentin angeheuert-nach über einer Stunde Laufzeit. Das Mädchen mit dem Drachen-Tatoo ist hier nur schlecht frisiert und ihr Drache spukt eher Rauch als Feuer, stellt somit eher ein nichtiges Tribal als ein symbolträchtiges, mächtiges und gefürchtetes Untier dar. Die Wut und Verletzlichkeit der unvergleichlichen Noomi Rapace, ganz abgesehen von deren beeindruckenden, durchtrainierten und burschikosen äußerlichen Erscheinung, ist in Maras Interpretation der Figur nur selten zu spüren, wodurch unter Anderem auch die nur schwer erträgliche Vergewaltigungsszene des 2009er-Originals in der Neufassung nicht unwesentlich an Intensität verliert.
Dazu darf der im US-Kino häufig auf Bösewichte abonnierte Stellan Skarsgård einen ebensolchen mimen und erledigt dies souverän, allerdings ist auch seine Szene insgesamt weit weniger intensiv als die des Vorgängers, bleiben doch viele Details über seine Figur sowie auch die seiner zwielichtigen Familie weitesgehend im Dunkeln. Auch hier fehlt wieder die raue, intensive Atmosphäre des Originals, dessen subtile, fast journalistisch-nüchterne Erzählweise wie die Faust auf’s Auge zur schroffen Natur Schwedens sowie der düster-brutalen Story passten. Ein Fakt, der David Fincher entgangen zu sein scheint und dem er mit Pomp und inszenatorischer Raffinesse lauthals lärmend entgegen zu wirken versucht-ohne natürlich nicht auch in puncto Action und Brutalität hier und dort eins draufzusetzen.
Wer das Original nicht kennt, wird vermutlich von der soghaften, für Fincher typischen, straffen Neuverfilmung begeistert sein. Vielleicht ist das eine Erklärung für die Platzierung des Films in der IMDb-Top 250-Liste. Bei Kennern und Befürwortern der schwedischen Adaption, wirkt diese Neuauflage aber eher wie ein müdes und dennoch lautes, aber vor allem unnötiges und oft überlang anmutendes Remake, das an den ausschlaggebenden Stellen verliert, den falschen Ansatz wählt und nur selten im Vergleich punkten kann. Natürlich sollte man auch Remakes immer möglichst als eigenständige Filme betrachten, bewerten und begutachten. Jedoch ist dies nur schlappe zwei Jahre nachdem ein beinahe makelloser Krimi aus Schweden unsere Kinos füllte, nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Vor allem aber eins, auf das man schlicht keinen Bock hat.

Wertung: 5.0/10.

Dieser Beitrag wurde unter 5.0 / 10, Action, Drama, Filmkritik, Krimi, Thriller veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Verblendung (2011)

  1. Pingback: Kurz-Review: THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO | ChristiansFoyer

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