Tree of Life (2011)

Zwei Fragen trieben mich nach der Sichtung von Malicks neuestem vermeintlichen Meisterwerk mit Oscar-Chancen um: Wie viel Kohle hat Sean Penn wohl für seinen seltsam entrückten 10-Minuten-Auftritt bekommen, in dem er nichts tut als zwei Sätze zu sagen und sinnierend-fragend dreinzuschauen und scheinbar orientierungslos durch die Gegend zu latschen, was irgendwie schon ein wenig dümmlich wirkt UND zu den ständigen geflüsterten, aber dadurch nicht weniger pathetisch anmutenden Sinnfragen aus dem Off hätte ich gerne die Frage „Was soll das Ganze?“ hinzugefügt.
Terrence Malicks quasi storylose, stellenweise vor Kitsch triefende Sinnsuche will zu viel und erreicht zu wenig, und ist dabei so ausufernd wie ein Film nur sein kann, denn beim Unter-die-Nase-Reiben und Immer-wieder-Betonen, dass Malicks alttestamentarisch strafender Gott Leben gibt und nimmt, kann man wohl kaum weiter ausholen als buchstäblich beim Urknall anzufangen. Das ist zwar zweifelsohne beeindruckend hübsch bebildert und wie auch schon beim gähnend langweiligen „The New World“ von Emmanuel Lubezki in jeder einzelnen Einstellung perfekt eingefangen. Aber während man jedes einzelne Bild des wahren Meisters hinter „Tree of Life“ rahmen möchte, geraten die Charaktere eindimensional und deren Konstellation aufgesetzt und nicht selten schlicht uninteressant. Zwar spielt Brad Pitt wie immer einwandfrei und auch die jugendlichen Darsteller sind toll, doch der dargestellte Vater-Sohn-Konflikt bleibt oberflächlich und nur im Ansatz und in zu wenigen Momenten wirklich berührend, das haben andere vor Malick schon wesentlich besser hinbekommen und mussten dazu nicht einen Hauch von Lächerlichkeit in Kauf nehmen, indem sie vorher mittelmäßig animierte Dinosaurier durchs Bild laufen lassen (die im Übrigen mehr mimisches Ausdrucksvermögen an den Tag legen als Mr. Penn). Generell fällt die Darstellung der Familie recht flach aus. Während Pitt wie gesagt überzeugend den harten, aber gerechten Vater mimt, läuft die durch und durch gute und naturverbundene Freigeist-Übermutter Jessica Chastain barfuß durch den Regensprinkler und dreht sich im luftigen Sommerkleid stundenlang im Kreis. Und dann stellt sich einem natürlich permanent die Frage, inwiefern der Tod eines der Söhne eine derart überhöhte, pathetisch-religiöse Abhandlung des menschlichen Daseins auf Gottes Erde rechtfertigt und es drängt sich der Verdacht auf, dass Terrence Malick einfach keine Geschichten erzählen kann. Das kann man als Kunst verstehen, oder eben als kompletten Stuss.
Nun möchte ich aber nicht in die oberflächliche Schwarzweißmalerei des scheuen Regisseurs einstimmen und erwähnen, dass „Tree of Life“ durchaus auch seine Momente hat. Das sind jene in denen der völlig deplatziert wirkende und schlicht überflüssige Sean Penn nicht zu sehen ist (ich werde nicht müde, das zu betonen), die nervigen Flüster-Fragen aus dem Off aussetzen und die allzu oft symbolschwangere Bilder einfangende Kamera einmal nicht bedeutungsvoll gen Himmel gerichtet ist und endlich einmal stillhält. Dann hat man Gelegenheit sich auf die allesamt talentierten Darsteller zu konzentrieren, und bekommt den Hauch einer Idee eines sich abzeichnenden inneren Konflikts der eigentlichen Hauptpersonen –der jungen Brüder- mit. Bevor man sich jedoch intensiver damit beschäftigen kann, lässt Malick erneut die visuelle Pathospeitsche niederdonnern und erschlägt mit seinen übermächtigen Bilder nahezu jede sich aufbauende Atmosphäre –und damit meine ich nicht jene elegische, schwelgerische Atmosphäre der ewigen Sinnsuche, sondern eben „echte“ Atmosphäre, die entsteht durch echte Gefühle echter Menschen. Realismus eben, der „Tree of Life“ zumindest in kleinen Dosen mehr als gut zu Gesicht gestanden hätte, die dem Löwenanteil des deutlich zu langatmigen Streifens jedoch fast gänzlich abgeht. Das von Gott gegebene Leben, so suggeriert Malick, ist ein einziger Tanz über Wiesen und Weiden im Sonnenschein und eigentlich ist doch alles im Großen und Ganzen gut und wunderschön. Wenn dann am Ende alle Charaktere des Films wieder miteinander vereint sich an einem in gleißendes Licht getränkten Strand (na wenn das mal nicht der Himmel sein soll!) in die Arme fallen, wird dann auch die letzte Glaubwürdigkeit des bewegten Bilderreigens im Religionskitsch ertränkt.
Viele Menschen stilisieren Terrence Malick zum Künstler, auch ich habe durch die Sichtung seiner kurzen Filmographie immer wieder versucht, diese weit verbreitete Meinung nachzuvollziehen und war letztlich nur bei „Der schmale Grat“ erfolgreich. Nach „The New World“ und nun „Tree of Life“ habe ich von Malicks Sinnsuche und meiner eigenen Suche nach dem Sinn in seinen Filme aber eigentlich schon die Schnauze voll. Was bleibt, ist der Eindruck, einen handwerklich astrein gemachten Film durchgestanden zu haben, der mir mit aller Gewalt eine tiefere Message einzutrichtern versuchte, die ich entweder nicht verstanden habe oder für die ich schlicht nicht empfänglich bin. Die andere Möglichkeit wäre schließlich, dass es gar keine tiefere Message gibt. Das muss bei Malicks wunderschön anzusehener Bildschirmschoner-Predigt wohl jeder selbst für sich entscheiden.
Übrigens, in Malicks nächstem Werk soll es bescheidenerweise um die Entstehung des Universums gehen. Gott bewahre!

Wertung: 5/10

Dieser Beitrag wurde unter 5.0 / 10, Drama, Filmkritik, Melodram veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Tree of Life (2011)

  1. Sven schreibt:

    Danke!!! Ich habe auch gerade diesen Film „durchgestanden“ und deine Kritik spricht mir aus der Seele

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